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Willkommenskultur in der Republik Moldau

Eines der ärmsten Länder Europas nimmt zehntausende Flüchtlinge auf. Die Welle der Hilfsbereitschaft und die Angst vor einer Aggression Russlands bescheren der Republik im Südosten Europas internationale Aufmerksamkeit.

An jedem Abend leiht sich der junge Moldauer Roman das Auto seines Vaters aus, um ukrainische Flüchtlinge am Grenzübergang Palanca abzuholen und in die Hauptstadt Chisinau zu fahren. Den Tank füllt er auf eigene Kosten wieder auf.

Der Moldauer kehrte erst im vergangenen Jahr in seine Heimat zurück, nachdem er längere Zeit in Irland gearbeitet hatte. Angesichts der Armut in der Republik Moldau arbeitet rund ein Drittel der Bevölkerung im Ausland, um über die Runden zu kommen und die Familie zu unterstützen.

An jedem Abend leiht sich der junge Moldauer Roman das Auto seines Vaters aus, um ukrainische Flüchtlinge am Grenzübergang Palanca abzuholen und in die Hauptstadt Chisinau zu fahren. Den Tank füllt er auf eigene Kosten wieder auf.

In dem kleinen Land zwischen Rumänien und der Ukraine mit weniger als drei Millionen Einwohnern sind schon mehr als 100.000 ukrainische Flüchtlinge angekommen. Etwa die Hälfte reist in das EU-Land Rumänien weiter und von dort oft in andere EU-Staaten.

Präsidentin Sandu: „Wir werden diese Menschen unterstützen“ 

Roman freut sich besonders über eine Textnachricht, die er gerade bekommen hat: „Anghelina hat mir geschrieben, eine Frau, der ich vor ein paar Tagen bei der Flucht geholfen habe. Sie ist jetzt mit ihrer Tochter in Prag angekommen und wollte sich bei mir bedanken. Sie schreibt, sie hätte sich nie vorstellen können, dass ein Fremder so etwas kostenlos für ihre Familie tut“, erzählt der junge Moldauer im Gespräch mit der DW.       

Schon am ersten Tag des Krieges standen viele Ukrainer Schlange an der Grenze zur Republik Moldau. Die moldauische Präsidentin Maia Sandu hatte bereits am frühen Morgen des 24. Februar angekündigt: „Alle Grenzübergänge sind offen und funktionieren mit verstärkten Mannschaften. Wir werden diese Menschen unterstützen.“ 

Viele moldauische Freiwillige empfangen die Geflüchteten direkt an der Grenze in Palanca mit Tee und warmem Essen. Sie helfen ihnen, schnell Unterkünfte zu finden oder Transportmöglichkeiten, falls sie weiterreisen wollen. Auch die staatlichen Behörden stellen kostenlos Busse und Unterkünfte zur Verfügung, viele Flüchtlinge werden im Messezentrum Moldexpo in der Hauptstadt Chisinau untergebracht. 

Die meisten Geflüchteten, die die DW-Reporter an der ukrainisch-moldauischen Grenze getroffen haben, sind der Bevölkerung in der Republik Moldau zutiefst dankbar für ihre Aufnahmebereitschaft.

Doch auf einmal verändert ein Flüchtling aus der Ukraine die Stimmung. Er brüllt den moldauischen DW-Reporter am Grenzübergang Palanca an. Die „aggressive“ Moldau habe 1992 Transnistrien angegriffen, schreit er auf russisch. Dann steigt er in einen Bus Richtung Rumänien. 

Die Wut des Mannes auf die Republik Moldau verdeutlicht die politischen Spannungen in der Region. Vor 30 Jahren kam es dort zum Krieg, weil sich pro-russische Separatisten mit Unterstützung aus Moskau von der Republik Moldau ablösten. Auch heute sind noch russische Soldaten in der Separatistenregion Transnistrien stationiert – obwohl die Region völkerrechtlich zur Republik Moldau gehört. Transnistrien erkennt die Autorität der Regierung in Chisinau nicht an.

In der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau ist gerade jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, die Angst vor einer russischen Aggression besonders groß. Präsidentin Maia Sandu erklärte am 24. Februar den Ausnahmezustand, am selben Tag wurde der moldauische Luftraum gesperrt.

Der moldauische Sicherheitsexperte und ehemalige Verteidigungsminister Viorel Cibotaru sieht deutliche Parallelen zwischen der Situation in der Ukraine und dem Krieg in Transnistrien vor 30 Jahren, als Russland dort die Separatisten unterstützte.

„In beiden Fällen geht es um den Wunsch, die Sowjetunion zu bewahren beziehungsweise wiederherzustellen“, erklärte er im DW-Interview. Und genau wie im Fall der selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk in der Ostukraine, seien auch Anfang der 1990er Jahre in Transnistrien „viele Fake News im Spiel gewesen“.

Eine weitere Gemeinsamkeit: „Von russischer Seite hieß es damals auch, dass nicht Russland die Separatisten in Transnistrien mit Waffen versorgt hätte, sondern dass man nicht wisse, wie diese an die Waffen gekommen seien. Genau wie es lange Zeit im Fall von Donezk und Luhansk hieß, die Leute hätten sich einfach so bewaffnet, Russland habe damit nichts zu tun.“

Viele Experten in der Republik Moldau warnen, dass die in Transnistrien stationierten russischen Soldaten auch direkt in den Ukraine-Krieg eingreifen könnten. Auch Viorel Cibotaru schließt diese Gefahr nicht aus. „Die Truppen in Transnistrien sind wie ein alter Mann mit einem Gewehr aus der Zarenzeit, der sein Territorium markiert. Doch wenn es nötig ist, kommen ihm 30 Flugzeuge zu Hilfe“, warnt der ehemalige moldauische Verteidigungsminister.

Nachdem Präsidentin Maia Sandu am Donnerstag den offiziellen Antrag auf die EU-Mitgliedschaft ihres Landes unterschrieben hatte, forderte die selbsternannte Regierung Transnistriens am Freitag, von der internationalen Gemeinschaft als unabhängig anerkannt zu werden.

Die Angst vor einem möglichen Ukraine-Szenario in dem kleinen osteuropäischen Land treibt viele Moldauerinnen und Moldauer um. Der Krieg ist nah, manchmal sind die Explosionen aus der benachbarten Ukraine zu hören und reißen auch Menschen aus dem Schlaf. 

Die große Welle der Hilfsbereitschaft in so einer bedrohlichen Lage würdigt auch der ehemalige Chef der EU-Delegation in Chisinau, Peter Michalko. „Ich bin stolz darauf, in der Moldau gelebt zu haben! Ich kenne viele von euch persönlich und verneige mich vor jeder Geste der Menschlichkeit und Gastfreundschaft, die ich sehe! (…) Ihr seid ein Beispiel für Europa und die ganze Welt“, schrieb der Diplomat auf seiner Facebook-Seite. 

Adaption aus dem Rumänischen: Dana Alexandra Scherle 

Tiraspol, die Hauptstadt der selbsternannten Republik Transnistrien

An jedem Abend leiht sich der junge Moldauer Roman das Auto seines Vaters aus, um ukrainische Flüchtlinge am Grenzübergang Palanca abzuholen und in die Hauptstadt Chisinau zu fahren. Den Tank füllt er auf eigene Kosten wieder auf.

Der Moldauer kehrte erst im vergangenen Jahr in seine Heimat zurück, nachdem er längere Zeit in Irland gearbeitet hatte. Angesichts der Armut in der Republik Moldau arbeitet rund ein Drittel der Bevölkerung im Ausland, um über die Runden zu kommen und die Familie zu unterstützen.

Präsidentin Sandu: „Wir werden diese Menschen unterstützen“ 

In dem kleinen Land zwischen Rumänien und der Ukraine mit weniger als drei Millionen Einwohnern sind schon mehr als 100.000 ukrainische Flüchtlinge angekommen. Etwa die Hälfte reist in das EU-Land Rumänien weiter und von dort oft in andere EU-Staaten.

Roman freut sich besonders über eine Textnachricht, die er gerade bekommen hat: „Anghelina hat mir geschrieben, eine Frau, der ich vor ein paar Tagen bei der Flucht geholfen habe. Sie ist jetzt mit ihrer Tochter in Prag angekommen und wollte sich bei mir bedanken. Sie schreibt, sie hätte sich nie vorstellen können, dass ein Fremder so etwas kostenlos für ihre Familie tut“, erzählt der junge Moldauer im Gespräch mit der DW.       

Schon am ersten Tag des Krieges standen viele Ukrainer Schlange an der Grenze zur Republik Moldau. Die moldauische Präsidentin Maia Sandu hatte bereits am frühen Morgen des 24. Februar angekündigt: „Alle Grenzübergänge sind offen und funktionieren mit verstärkten Mannschaften. Wir werden diese Menschen unterstützen.“ 

Viele moldauische Freiwillige empfangen die Geflüchteten direkt an der Grenze in Palanca mit Tee und warmem Essen. Sie helfen ihnen, schnell Unterkünfte zu finden oder Transportmöglichkeiten, falls sie weiterreisen wollen. Auch die staatlichen Behörden stellen kostenlos Busse und Unterkünfte zur Verfügung, viele Flüchtlinge werden im Messezentrum Moldexpo in der Hauptstadt Chisinau untergebracht. 

Spannungen auch 30 Jahre nach dem Krieg 

Die meisten Geflüchteten, die die DW-Reporter an der ukrainisch-moldauischen Grenze getroffen haben, sind der Bevölkerung in der Republik Moldau zutiefst dankbar für ihre Aufnahmebereitschaft.

Parallelen zwischen Ukraine und Transnistrien-Konflikt

Doch auf einmal verändert ein Flüchtling aus der Ukraine die Stimmung. Er brüllt den moldauischen DW-Reporter am Grenzübergang Palanca an. Die „aggressive“ Moldau habe 1992 Transnistrien angegriffen, schreit er auf russisch. Dann steigt er in einen Bus Richtung Rumänien. 

Die Wut des Mannes auf die Republik Moldau verdeutlicht die politischen Spannungen in der Region. Vor 30 Jahren kam es dort zum Krieg, weil sich pro-russische Separatisten mit Unterstützung aus Moskau von der Republik Moldau ablösten. Auch heute sind noch russische Soldaten in der Separatistenregion Transnistrien stationiert – obwohl die Region völkerrechtlich zur Republik Moldau gehört. Transnistrien erkennt die Autorität der Regierung in Chisinau nicht an.

In der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau ist gerade jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, die Angst vor einer russischen Aggression besonders groß. Präsidentin Maia Sandu erklärte am 24. Februar den Ausnahmezustand, am selben Tag wurde der moldauische Luftraum gesperrt.

„Ich verneige mich vor Euch“

Der moldauische Sicherheitsexperte und ehemalige Verteidigungsminister Viorel Cibotaru sieht deutliche Parallelen zwischen der Situation in der Ukraine und dem Krieg in Transnistrien vor 30 Jahren, als Russland dort die Separatisten unterstützte.

„In beiden Fällen geht es um den Wunsch, die Sowjetunion zu bewahren beziehungsweise wiederherzustellen“, erklärte er im DW-Interview. Und genau wie im Fall der selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk in der Ostukraine, seien auch Anfang der 1990er Jahre in Transnistrien „viele Fake News im Spiel gewesen“.

Eine weitere Gemeinsamkeit: „Von russischer Seite hieß es damals auch, dass nicht Russland die Separatisten in Transnistrien mit Waffen versorgt hätte, sondern dass man nicht wisse, wie diese an die Waffen gekommen seien. Genau wie es lange Zeit im Fall von Donezk und Luhansk hieß, die Leute hätten sich einfach so bewaffnet, Russland habe damit nichts zu tun.“

Viele Experten in der Republik Moldau warnen, dass die in Transnistrien stationierten russischen Soldaten auch direkt in den Ukraine-Krieg eingreifen könnten. Auch Viorel Cibotaru schließt diese Gefahr nicht aus. „Die Truppen in Transnistrien sind wie ein alter Mann mit einem Gewehr aus der Zarenzeit, der sein Territorium markiert. Doch wenn es nötig ist, kommen ihm 30 Flugzeuge zu Hilfe“, warnt der ehemalige moldauische Verteidigungsminister.

Nachdem Präsidentin Maia Sandu am Donnerstag den offiziellen Antrag auf die EU-Mitgliedschaft ihres Landes unterschrieben hatte, forderte die selbsternannte Regierung Transnistriens am Freitag, von der internationalen Gemeinschaft als unabhängig anerkannt zu werden.

Die Angst vor einem möglichen Ukraine-Szenario in dem kleinen osteuropäischen Land treibt viele Moldauerinnen und Moldauer um. Der Krieg ist nah, manchmal sind die Explosionen aus der benachbarten Ukraine zu hören und reißen auch Menschen aus dem Schlaf. 

Die große Welle der Hilfsbereitschaft in so einer bedrohlichen Lage würdigt auch der ehemalige Chef der EU-Delegation in Chisinau, Peter Michalko. „Ich bin stolz darauf, in der Moldau gelebt zu haben! Ich kenne viele von euch persönlich und verneige mich vor jeder Geste der Menschlichkeit und Gastfreundschaft, die ich sehe! (…) Ihr seid ein Beispiel für Europa und die ganze Welt“, schrieb der Diplomat auf seiner Facebook-Seite. 

Adaption aus dem Rumänischen: Dana Alexandra Scherle 

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