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Senegal: Die Verlierer der Industrialisierung

Die Stadt Bargny im Senegal wird zunehmend von ambitionierten Industrieprojekten eingekesselt. Die Bevölkerung verliert ihre Lebensgrundlage. Proteste ändern bisher aber wenig.

Khady Ndiaye sitzt auf einem kleinen Hocker vor fünf alten Plastikwannen, in denen kleine Fische liegen. Die 67-Jährige nimmt sie aus, schabt die Schuppen, die durch das Räuchern schwarz geworden sind, ab und legt die Fische in Salz ein. Seit 30 Jahren lebt sie von der Fischverarbeitung. Doch die Zeiten sind schlecht: „Mir geht es wie den anderen Frauen. Unsere Arbeit wird immer schwerer. Der Fisch, den wir verarbeiten können, fehlt uns.“

Tatsächlich sind auf dem Gelände am Strand – es erinnert an eine Markthalle – an diesem Vormittag nur wenige Frauen zu sehen. Der Fischfang steckt in der Krise. 

Khady Ndiaye sitzt auf einem kleinen Hocker vor fünf alten Plastikwannen, in denen kleine Fische liegen. Die 67-Jährige nimmt sie aus, schabt die Schuppen, die durch das Räuchern schwarz geworden sind, ab und legt die Fische in Salz ein. Seit 30 Jahren lebt sie von der Fischverarbeitung. Doch die Zeiten sind schlecht: „Mir geht es wie den anderen Frauen. Unsere Arbeit wird immer schwerer. Der Fisch, den wir verarbeiten können, fehlt uns.“

Dabei ist Bargny, Heimatort von Khady Ndiaye, immer ein Fischerdorf gewesen. Es liegt 35 Kilometer von Senegals Hauptstadt Dakar entfernt. Die Strände zogen einst auch Tages- und Wochenendgäste an. „Bargny war eine Stadt, in der man sehr gut leben konnte“, erinnert sich Cheikh Fadel Wade, Koordinator des Netzwerks für Umwelt- und Naturschutz. Nicht nur das, auch die Landwirtschaft war eine gute Einnahmequelle.

Bedrohung durch steigende Temperaturen und Meeresspiegel 

Doch damit ist Schluss. Aufgrund des Klimawandels steigt wie überall auf der Welt der Meeresspiegel, die Wassertemperaturen erhöhen sich – viele Fischarten können sich daran nur schlecht anpassen -, und die Böden versalzen, erklärt Cheikh Fadel Wade, der durch Bargny führt. Heute leben hier zwar rund 70.000 Menschen, doch die Stadt hat ihren dörflichen Charakter behalten. Die Einwohnerinnen und Einwohner kennen und grüßen sich und diskutieren auf der Straße miteinander. Es sind vor allem Sorgen, die sie teilen.

Einen guten Kilometer vom Stadtzentrum entfernt zeigt Ndeye Yacine Dieng die Folgen der Küstenerosion. Sie sitzt vor einem kleinen Haus, dessen gelbe Farbe längst abgeblättert ist. Ein paar Zimmer fehlen bereits. Das Toben der Wellen ist ständig zu hören. Die Präsidentin der „Vereinigung für die Aufwertung der Küsten“ (Association pour la valorisation des cotés) sagt: „Vor 50 Jahren war das Meer noch 500 Meter von den Gebäuden weg. Heute klopft es an unsere Tür, bringt uns materielle Einbußen und beeinträchtigt die lokale Wirtschaft.“

Sie schaut nach rechts und links. Alle Gebäude sind halbe Ruinen, in die sich immer mehr Menschen drängen. Im ganzen Land wächst die Bevölkerung, derzeit knapp 17 Millionen Einwohner, jährlich um 2,7 Prozent. Gerade im Ballungszentrum Dakar ist Wohnraum teuer und kostbar.  

Dabei sollte es einen knappen Kilometer Richtung Osten eine Fläche für den Neuanfang geben, auf der 1433 Parzellen für die von der Erosion Betroffenen ausgewiesen wurden. Der Staat habe die Mittel zu einer Umsiedlung, so Ndeye Yacine Dieng. Doch Ex-Präsident Abdoulaye Wade entschied anders. Ein schwedischer Investor kaufte das Land, auf dem 2017 ein Kohlekraftwerk in Betrieb ging. Westlich von Bargny in der Nachbargemeinde Rufisque entstand zwar schon 1948 die Zementfabrik des Unternehmens Sococim. Doch seit den 2010er Jahren steht Bargny endgültig im Zentrum der Industrialisierung. 

Die Folgen sind überall zu spüren: In Häusern in der Nähe des Kraftwerks sind Böden und Möbel mit einer feinen Kohlestaubschicht überzogen. Frauen, die dort einst Fisch verarbeitet hatten, mussten das Gelände verlassen. „Mein Herz blutet: Die Situation ist alarmierend“, sagt Babacar Seck, Präsident der Umweltkommission der Stadt Bargny.

All das ist erst der Anfang. Denn ganz in der Nähe des Kraftwerks entsteht gerade der neue Hafen für Rohstoffe. Noch sind keine Mauern gezogen, provisorische Verwaltungsgebäude stehen aber bereits. Dafür ist eine Fläche von knapp 500 Hektar vorgesehen, die teilweise in der Nachbargemeinde Sendou liegt. 

Großprojekte passen in das Bild eines modernen Landes, das Präsident Macky Sall voran treibt. Auch können sie Arbeitsplätze schaffen. Bei dem Hafen, dessen Errichtung umgerechnet mehr als 442 Millionen Euro kosten soll, ist von rund 2500 die Rede. Khady Ndiaye hat die Hoffnung, dass junge Menschen eine Anstellung finden. „Ich gehe davon aus, dass die Stadt profitieren wird.“ Viele andere zucken jedoch mit den Schultern und sind pessimistisch. „Man nimmt den Menschen die Häuser und die Arbeitsgrundlage“, sagt Cheikh Fadel Wade. Schließlich gehe auch Ackerland verloren.

Dafür könnten noch zwei weitere ambitionierte Vorhaben verantwortlich sein. Ebenfalls in Bargny soll die sogenannte Pôle urbain Diamniadio errichtet werden. Die neue als nachhaltig beworbene Stadt soll sich über vier Gemeinden erstrecken. Einer der Partner ist die Weltbank. Geplant ist außerdem eine Sonderwirtschaftszone, gebaut werden soll in diesem Zusammenhang auch ein Stahlwerk. Proteste dagegen gab es im Dezember. Denn alles ist dicht gedrängt. Die Stadt ist von Industrie eingekesselt. 

Cheikh Fadel Wade ist zurück in seinem Büro, das im Zentrum von Bargny liegt. Er betont: Niemand sei gegen Entwicklung. Arbeitsplätze seien dringend notwendig, da sich ansonsten bei jungen Menschen immer mehr Frustration aufstaut. „Das größte Problem ist, dass die Menschen nicht in die Pläne einbezogen werden.“ Sie seien nicht Teil des Projekts.

Eingebunden ist nicht einmal die Stadt, gibt Umweltexperte Seck zu. Vor allem einstige französische Kolonien wie Senegal sind bis heute zentralistisch aufgebaut. Dezentralisierung ist seit Jahren ein Thema. Jeder wisse aber, dass Entscheidungen auf höherer Ebene getroffen werden. „Man kann aber nur bis zu einer bestimmten Ebene gegen etwas kämpfen. Die finale Entscheidung liegt bei der Regierung. Die Bevölkerung kann sich nur zusammenschließen und protestieren, bis sie Gehör findet“, gibt Seck zu.  

Ansicht von Bargny
Menschen Blicken von einem Haus auf das Meer, das nur wenige Meter weit entfernt ist.

Khady Ndiaye sitzt auf einem kleinen Hocker vor fünf alten Plastikwannen, in denen kleine Fische liegen. Die 67-Jährige nimmt sie aus, schabt die Schuppen, die durch das Räuchern schwarz geworden sind, ab und legt die Fische in Salz ein. Seit 30 Jahren lebt sie von der Fischverarbeitung. Doch die Zeiten sind schlecht: „Mir geht es wie den anderen Frauen. Unsere Arbeit wird immer schwerer. Der Fisch, den wir verarbeiten können, fehlt uns.“

Tatsächlich sind auf dem Gelände am Strand – es erinnert an eine Markthalle – an diesem Vormittag nur wenige Frauen zu sehen. Der Fischfang steckt in der Krise. 

Bedrohung durch steigende Temperaturen und Meeresspiegel 

Dabei ist Bargny, Heimatort von Khady Ndiaye, immer ein Fischerdorf gewesen. Es liegt 35 Kilometer von Senegals Hauptstadt Dakar entfernt. Die Strände zogen einst auch Tages- und Wochenendgäste an. „Bargny war eine Stadt, in der man sehr gut leben konnte“, erinnert sich Cheikh Fadel Wade, Koordinator des Netzwerks für Umwelt- und Naturschutz. Nicht nur das, auch die Landwirtschaft war eine gute Einnahmequelle.

Doch damit ist Schluss. Aufgrund des Klimawandels steigt wie überall auf der Welt der Meeresspiegel, die Wassertemperaturen erhöhen sich – viele Fischarten können sich daran nur schlecht anpassen -, und die Böden versalzen, erklärt Cheikh Fadel Wade, der durch Bargny führt. Heute leben hier zwar rund 70.000 Menschen, doch die Stadt hat ihren dörflichen Charakter behalten. Die Einwohnerinnen und Einwohner kennen und grüßen sich und diskutieren auf der Straße miteinander. Es sind vor allem Sorgen, die sie teilen.

Einen guten Kilometer vom Stadtzentrum entfernt zeigt Ndeye Yacine Dieng die Folgen der Küstenerosion. Sie sitzt vor einem kleinen Haus, dessen gelbe Farbe längst abgeblättert ist. Ein paar Zimmer fehlen bereits. Das Toben der Wellen ist ständig zu hören. Die Präsidentin der „Vereinigung für die Aufwertung der Küsten“ (Association pour la valorisation des cotés) sagt: „Vor 50 Jahren war das Meer noch 500 Meter von den Gebäuden weg. Heute klopft es an unsere Tür, bringt uns materielle Einbußen und beeinträchtigt die lokale Wirtschaft.“

Sie schaut nach rechts und links. Alle Gebäude sind halbe Ruinen, in die sich immer mehr Menschen drängen. Im ganzen Land wächst die Bevölkerung, derzeit knapp 17 Millionen Einwohner, jährlich um 2,7 Prozent. Gerade im Ballungszentrum Dakar ist Wohnraum teuer und kostbar.  

Kohlekraft statt Wohnraum

Dabei sollte es einen knappen Kilometer Richtung Osten eine Fläche für den Neuanfang geben, auf der 1433 Parzellen für die von der Erosion Betroffenen ausgewiesen wurden. Der Staat habe die Mittel zu einer Umsiedlung, so Ndeye Yacine Dieng. Doch Ex-Präsident Abdoulaye Wade entschied anders. Ein schwedischer Investor kaufte das Land, auf dem 2017 ein Kohlekraftwerk in Betrieb ging. Westlich von Bargny in der Nachbargemeinde Rufisque entstand zwar schon 1948 die Zementfabrik des Unternehmens Sococim. Doch seit den 2010er Jahren steht Bargny endgültig im Zentrum der Industrialisierung. 

Neuer Hafen als Arbeitsort 

Die Folgen sind überall zu spüren: In Häusern in der Nähe des Kraftwerks sind Böden und Möbel mit einer feinen Kohlestaubschicht überzogen. Frauen, die dort einst Fisch verarbeitet hatten, mussten das Gelände verlassen. „Mein Herz blutet: Die Situation ist alarmierend“, sagt Babacar Seck, Präsident der Umweltkommission der Stadt Bargny.

All das ist erst der Anfang. Denn ganz in der Nähe des Kraftwerks entsteht gerade der neue Hafen für Rohstoffe. Noch sind keine Mauern gezogen, provisorische Verwaltungsgebäude stehen aber bereits. Dafür ist eine Fläche von knapp 500 Hektar vorgesehen, die teilweise in der Nachbargemeinde Sendou liegt. 

Großprojekte passen in das Bild eines modernen Landes, das Präsident Macky Sall voran treibt. Auch können sie Arbeitsplätze schaffen. Bei dem Hafen, dessen Errichtung umgerechnet mehr als 442 Millionen Euro kosten soll, ist von rund 2500 die Rede. Khady Ndiaye hat die Hoffnung, dass junge Menschen eine Anstellung finden. „Ich gehe davon aus, dass die Stadt profitieren wird.“ Viele andere zucken jedoch mit den Schultern und sind pessimistisch. „Man nimmt den Menschen die Häuser und die Arbeitsgrundlage“, sagt Cheikh Fadel Wade. Schließlich gehe auch Ackerland verloren.

Entwicklung mit den Menschen

Dafür könnten noch zwei weitere ambitionierte Vorhaben verantwortlich sein. Ebenfalls in Bargny soll die sogenannte Pôle urbain Diamniadio errichtet werden. Die neue als nachhaltig beworbene Stadt soll sich über vier Gemeinden erstrecken. Einer der Partner ist die Weltbank. Geplant ist außerdem eine Sonderwirtschaftszone, gebaut werden soll in diesem Zusammenhang auch ein Stahlwerk. Proteste dagegen gab es im Dezember. Denn alles ist dicht gedrängt. Die Stadt ist von Industrie eingekesselt. 

Cheikh Fadel Wade ist zurück in seinem Büro, das im Zentrum von Bargny liegt. Er betont: Niemand sei gegen Entwicklung. Arbeitsplätze seien dringend notwendig, da sich ansonsten bei jungen Menschen immer mehr Frustration aufstaut. „Das größte Problem ist, dass die Menschen nicht in die Pläne einbezogen werden.“ Sie seien nicht Teil des Projekts.

Eingebunden ist nicht einmal die Stadt, gibt Umweltexperte Seck zu. Vor allem einstige französische Kolonien wie Senegal sind bis heute zentralistisch aufgebaut. Dezentralisierung ist seit Jahren ein Thema. Jeder wisse aber, dass Entscheidungen auf höherer Ebene getroffen werden. „Man kann aber nur bis zu einer bestimmten Ebene gegen etwas kämpfen. Die finale Entscheidung liegt bei der Regierung. Die Bevölkerung kann sich nur zusammenschließen und protestieren, bis sie Gehör findet“, gibt Seck zu.  

Kohlekraftwerk in Bargny

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