Kultur

Musk und Twitter: Milliardäre, Macht und Meinungsvielfalt

Der Tesla-Gründer Elon Musk will Twitter kaufen, für stolze 44 Milliarden Dollar. Damit würde das nächste soziale Netzwerk in die Hände eines Superreichen übergehen. Kann das gutgehen? Und könnte es auch anders gehen?

Der Aufschrei war natürlich genau dort groß, wo die digitale Musik spielt: auf Twitter selbst. Als diese Woche publik wurde, dass Twitter ein milliardenschweres Übernahmeangebot des reichsten Mannes der Welt annehmen wolle, war die Entrüstung groß – und bei anderen die Freude. Die Reaktionen standen für den Ton der sozialen Medien: schneidend einseitig, hoch emotional und apokalyptisch anmutend. Manch einer kündigte an, sein Twitter-Konto zu löschen, andere feierten das, was sie als Wiedergeburt der Meinungsfreiheit sehen.

„Musk ist eine polarisierende und spaltende Figur“, erklärt Ethan Zuckerman, Professor für öffentliche Politik, Information und Kommunikation an der Universität von Massachusetts, im Gespräch mit der DW. „Viele Menschen halten ihn für ein Genie, andere für einen Idioten. Ich glaube, dass die Menschen langsam auf den Trichter kommen, dass es sehr seltsam ist, dass etwas wie Twitter, das enormen Einfluss auf Politik und Medien hat, von einem Milliardär oder einer kleinen Gruppe von Milliardären kontrolliert werden kann. Es hinterlässt einfach ein seltsames Gefühl.“

Der Aufschrei war natürlich genau dort groß, wo die digitale Musik spielt: auf Twitter selbst. Als diese Woche publik wurde, dass Twitter ein milliardenschweres Übernahmeangebot des reichsten Mannes der Welt annehmen wolle, war die Entrüstung groß – und bei anderen die Freude. Die Reaktionen standen für den Ton der sozialen Medien: schneidend einseitig, hoch emotional und apokalyptisch anmutend. Manch einer kündigte an, sein Twitter-Konto zu löschen, andere feierten das, was sie als Wiedergeburt der Meinungsfreiheit sehen.

Elon Musk bezeichnet sich selbst als „Absolutisten der Meinungsfreiheit“, für ihn gibt es kaum Grenzen des Sagbaren. Er wolle die Redefreiheit wieder zurückbringen zu Twitter. „Ich hoffe, dass auch meine schlimmsten Kritiker auf Twitter bleiben, weil das Meinungsfreiheit bedeutet“, twitterte Musk. Seine Kritiker befürchten, dass das wieder zu einem Recht des Stärkeren führen wird. Dass eine lockere Moderation der Inhalte und die Rückkehr gesperrter Nutzer wie des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump wieder zu einem Klima führen, in dem Falschnachrichten und Propaganda kursieren können. 

Soziale Medien ohne Ethos

So oder so: Mit der Übernahme von Twitter würde ein weiteres großes soziales Netzwerk in die Hände eines Superreichen kommen. Musk ist in guter Gesellschaft: Die vier größten digitalen Plattformen hätten dann schwerreiche (Mit-)Eigentümer, denn Mark Zuckerberg besitzt Facebook, Whatsapp und Instagram. Und wendet man den Blick zu den klassischen Medien, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Jeff Bezos hat die „Washington Post“ gekauft, Rupert Murdoch besitzt „Fox News“, Michael Bloomberg hat ein Medienimperium aufgebaut. Schwerreiche sind offenbar aus dem Mediengeschäft nicht wegzudenken.

Dabei ist die Frage des Eigentümers durchaus eine wichtige, meint Leonhard Dobusch. Er forscht als Professor für Organisation an der Universität Innsbruck zum Thema „Eigentum matters. Es ist nicht egal, wem Medien gehören.“ Denn sie bestimmen beispielweise bei klassischen Medien die Blattlinie. Das gibt es zwar bei digitalen Plattformen nicht. Aber auch hier gebe es Regeln und Ausrichtungen, so Dobusch zur DW.

Zur Wahrheit gehört aber auch – und das betonen Zuckerman und Dobusch: Noch ist nicht klar, was sich durch Musk ändern und wie er Twitter gestalten wird. Nimmt er das Unternehmen von der Börse, könnte das dazu führen, dass er die Macht bei sich konzentriert. Setzt er jemand anderen als sich selbst als Geschäftsführer ein, könnte das bedeuten, dass er seine Person zurücknimmt. Noch ist es zu früh zu sagen, welchen Kurs Twitter unter Elon Musk einschlagen wird.

Ein Problem bleibt aber: Soziale Medien folgen einer anderen Logik als klassische Medien. Es gibt dort beispielsweise kein über Jahrzehnte gewachsenes Berufsethos. „Wir haben hier nicht diese Praxis“, sagt Zuckerman, „die besagt, dass ich meine Arbeit als Journalist nicht machen würde, wenn es keinen Weg gäbe, Jeff Bezos zu kritisieren. In den sozialen Medien gibt es diese Tradition nicht. Wenn also jemand bei Twitter aufgefordert wird, jegliche Kritik an Elon Musk zu entfernen, weiß ich nicht, was dann passiert. Haben wir die gleiche Art von ethischer Haltung, die man von einer Qualitätszeitung erwarten würde?“

Soziale Netzwerke ticken anders: Hier geht es darum, Nutzer als Empfänger von Werbung zu binden, sie zu ködern und zu unterhalten. Einen tieferen, ethischen Sinn wie etwa, Menschen zu informieren, der Allgemeinheit zu dienen, haben sie nicht.

Für Digitalexperten wie Zuckerman und Dobusch ist deshalb die Zeit gekommen, eine Netzwelt zu entwerfen, die auch einer anderen Logik folgt. „Die Grundsatzfrage, die man sich stellen sollte, ist: Ist es gut, wenn es jenseits privater, profitorientierter Plattformen keine nennenswerte digitale Öffentlichkeit gibt, oder ist das ein Problem? Ich würde sagen, das ist ein Problem“, sagt Dobusch.

Dobusch nennt Alternativen dazu „Ausweichrouten“. Zuckerman beschreibt es in einem Twitter-Thread, der oft geteilt wurde, nach der Musk-Ankündigung so: „Suchen Sie sich eine Plattform, die Sie regieren lassen will, nicht eine, die Sie moderieren will.“

Dobusch denkt dabei an soziale Netzwerke, die nicht profitorientiert sind, sondern einen anderen, nichtmonetären Zweck verfolgen. Das kann sein, Menschen in der Nachbarschaft zu vernetzen, oder auch, Informationen zu verbreiten. Die Nutzer sollen dabei mehr Rechte haben: beispielsweise, indem sie selbst über die Moderationsregeln mitbestimmen oder eigene kleine Server für ihren digitalen Austausch pflegen. Zuckerman schwebt eine digitale Welt vor, in der Menschen auf zahlreichen Plattformen unterwegs sind, teilweise gemeinnützig finanziert, die aber alle durch ein Tool miteinander verbunden sind. Dobusch sieht auch die öffentlich-rechtlichen Medien in der Pflicht, die beispielsweise ihre Mediatheken ausbauen könnten. Aber auch andere Betreiber wie Wikipedia könnten diese neue soziale Welt im Netz mitgestalten – und letztlich auch finanzieren.

Nachdem Musk seine Übernahmeabsicht bekanntgegeben hatte, häuften sich Ankündigungen von Twitter-Nutzern, die zu dem dezentralen Netzwerk Mastodon wechseln wollten. Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat sich direkt ein Nutzerkonto gesichert. Doch eine massenhafte Abwanderung von Twitter zu einem neuen Medium sei weder realistisch noch die Lösung, sagt Zuckerman. „Der Fehler, den alle machen, wenn sie versuchen, die sozialen Medien zu verbessern, ist, dass sie sagen: OK, ich werde etwas Besseres aufbauen, und alle werden Facebook verlassen und meinem Netzwerk beitreten. Und die Antwort ist: Das ist verrückt! Es gibt drei Milliarden Menschen auf Facebook, nicht jeder wird deinem Netzwerk beitreten.“

Denn die Verbindungen, die Menschen auf den bestehenden Netzwerken aufgebaut haben, bedeuten ihnen etwas. Und die wollen sie nicht einfach zurücklassen. Womöglich auch ein Grund, warum einige derjenigen, die vollmundig ankündigten, ihr Twitter-Konto zu löschen, inzwischen längst wieder eifrig mitzwitschern.

Eine soziale Welt im Netz, wie sie sich Zuckerman, Dobusch und viele andere derzeit vorstellen, würde ein Umdenken erfordern. Es wäre eine Welt, in der profitorientierte und gemeinnützige soziale Netzwerke Seite an Seite existieren. Die Twitter-Übernahme könnte den Anstoß geben. „Wir sind es gewohnt, in einer Welt zu leben, in der jemand in Kalifornien eine Reihe von Regeln aufgestellt hat, an die wir uns zu halten haben“, sagt Zuckerman. Und ergänzt: „Vielleicht ist das nicht die beste Art, einen digitalen Raum zu gestalten, in dem wir ernsthafte Gespräche über die Zukunft führen wollen.“

Der Aufschrei war natürlich genau dort groß, wo die digitale Musik spielt: auf Twitter selbst. Als diese Woche publik wurde, dass Twitter ein milliardenschweres Übernahmeangebot des reichsten Mannes der Welt annehmen wolle, war die Entrüstung groß – und bei anderen die Freude. Die Reaktionen standen für den Ton der sozialen Medien: schneidend einseitig, hoch emotional und apokalyptisch anmutend. Manch einer kündigte an, sein Twitter-Konto zu löschen, andere feierten das, was sie als Wiedergeburt der Meinungsfreiheit sehen.

„Musk ist eine polarisierende und spaltende Figur“, erklärt Ethan Zuckerman, Professor für öffentliche Politik, Information und Kommunikation an der Universität von Massachusetts, im Gespräch mit der DW. „Viele Menschen halten ihn für ein Genie, andere für einen Idioten. Ich glaube, dass die Menschen langsam auf den Trichter kommen, dass es sehr seltsam ist, dass etwas wie Twitter, das enormen Einfluss auf Politik und Medien hat, von einem Milliardär oder einer kleinen Gruppe von Milliardären kontrolliert werden kann. Es hinterlässt einfach ein seltsames Gefühl.“

Soziale Medien ohne Ethos

Elon Musk bezeichnet sich selbst als „Absolutisten der Meinungsfreiheit“, für ihn gibt es kaum Grenzen des Sagbaren. Er wolle die Redefreiheit wieder zurückbringen zu Twitter. „Ich hoffe, dass auch meine schlimmsten Kritiker auf Twitter bleiben, weil das Meinungsfreiheit bedeutet“, twitterte Musk. Seine Kritiker befürchten, dass das wieder zu einem Recht des Stärkeren führen wird. Dass eine lockere Moderation der Inhalte und die Rückkehr gesperrter Nutzer wie des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump wieder zu einem Klima führen, in dem Falschnachrichten und Propaganda kursieren können. 

So oder so: Mit der Übernahme von Twitter würde ein weiteres großes soziales Netzwerk in die Hände eines Superreichen kommen. Musk ist in guter Gesellschaft: Die vier größten digitalen Plattformen hätten dann schwerreiche (Mit-)Eigentümer, denn Mark Zuckerberg besitzt Facebook, Whatsapp und Instagram. Und wendet man den Blick zu den klassischen Medien, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Jeff Bezos hat die „Washington Post“ gekauft, Rupert Murdoch besitzt „Fox News“, Michael Bloomberg hat ein Medienimperium aufgebaut. Schwerreiche sind offenbar aus dem Mediengeschäft nicht wegzudenken.

Dabei ist die Frage des Eigentümers durchaus eine wichtige, meint Leonhard Dobusch. Er forscht als Professor für Organisation an der Universität Innsbruck zum Thema „Eigentum matters. Es ist nicht egal, wem Medien gehören.“ Denn sie bestimmen beispielweise bei klassischen Medien die Blattlinie. Das gibt es zwar bei digitalen Plattformen nicht. Aber auch hier gebe es Regeln und Ausrichtungen, so Dobusch zur DW.

Zur Wahrheit gehört aber auch – und das betonen Zuckerman und Dobusch: Noch ist nicht klar, was sich durch Musk ändern und wie er Twitter gestalten wird. Nimmt er das Unternehmen von der Börse, könnte das dazu führen, dass er die Macht bei sich konzentriert. Setzt er jemand anderen als sich selbst als Geschäftsführer ein, könnte das bedeuten, dass er seine Person zurücknimmt. Noch ist es zu früh zu sagen, welchen Kurs Twitter unter Elon Musk einschlagen wird.

Zeit für eine neue digitale Welt

Ein Problem bleibt aber: Soziale Medien folgen einer anderen Logik als klassische Medien. Es gibt dort beispielsweise kein über Jahrzehnte gewachsenes Berufsethos. „Wir haben hier nicht diese Praxis“, sagt Zuckerman, „die besagt, dass ich meine Arbeit als Journalist nicht machen würde, wenn es keinen Weg gäbe, Jeff Bezos zu kritisieren. In den sozialen Medien gibt es diese Tradition nicht. Wenn also jemand bei Twitter aufgefordert wird, jegliche Kritik an Elon Musk zu entfernen, weiß ich nicht, was dann passiert. Haben wir die gleiche Art von ethischer Haltung, die man von einer Qualitätszeitung erwarten würde?“

Netzwerke verbinden statt ersetzen

Soziale Netzwerke ticken anders: Hier geht es darum, Nutzer als Empfänger von Werbung zu binden, sie zu ködern und zu unterhalten. Einen tieferen, ethischen Sinn wie etwa, Menschen zu informieren, der Allgemeinheit zu dienen, haben sie nicht.

Für Digitalexperten wie Zuckerman und Dobusch ist deshalb die Zeit gekommen, eine Netzwelt zu entwerfen, die auch einer anderen Logik folgt. „Die Grundsatzfrage, die man sich stellen sollte, ist: Ist es gut, wenn es jenseits privater, profitorientierter Plattformen keine nennenswerte digitale Öffentlichkeit gibt, oder ist das ein Problem? Ich würde sagen, das ist ein Problem“, sagt Dobusch.

Dobusch nennt Alternativen dazu „Ausweichrouten“. Zuckerman beschreibt es in einem Twitter-Thread, der oft geteilt wurde, nach der Musk-Ankündigung so: „Suchen Sie sich eine Plattform, die Sie regieren lassen will, nicht eine, die Sie moderieren will.“

Dobusch denkt dabei an soziale Netzwerke, die nicht profitorientiert sind, sondern einen anderen, nichtmonetären Zweck verfolgen. Das kann sein, Menschen in der Nachbarschaft zu vernetzen, oder auch, Informationen zu verbreiten. Die Nutzer sollen dabei mehr Rechte haben: beispielsweise, indem sie selbst über die Moderationsregeln mitbestimmen oder eigene kleine Server für ihren digitalen Austausch pflegen. Zuckerman schwebt eine digitale Welt vor, in der Menschen auf zahlreichen Plattformen unterwegs sind, teilweise gemeinnützig finanziert, die aber alle durch ein Tool miteinander verbunden sind. Dobusch sieht auch die öffentlich-rechtlichen Medien in der Pflicht, die beispielsweise ihre Mediatheken ausbauen könnten. Aber auch andere Betreiber wie Wikipedia könnten diese neue soziale Welt im Netz mitgestalten – und letztlich auch finanzieren.

Nachdem Musk seine Übernahmeabsicht bekanntgegeben hatte, häuften sich Ankündigungen von Twitter-Nutzern, die zu dem dezentralen Netzwerk Mastodon wechseln wollten. Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat sich direkt ein Nutzerkonto gesichert. Doch eine massenhafte Abwanderung von Twitter zu einem neuen Medium sei weder realistisch noch die Lösung, sagt Zuckerman. „Der Fehler, den alle machen, wenn sie versuchen, die sozialen Medien zu verbessern, ist, dass sie sagen: OK, ich werde etwas Besseres aufbauen, und alle werden Facebook verlassen und meinem Netzwerk beitreten. Und die Antwort ist: Das ist verrückt! Es gibt drei Milliarden Menschen auf Facebook, nicht jeder wird deinem Netzwerk beitreten.“

Denn die Verbindungen, die Menschen auf den bestehenden Netzwerken aufgebaut haben, bedeuten ihnen etwas. Und die wollen sie nicht einfach zurücklassen. Womöglich auch ein Grund, warum einige derjenigen, die vollmundig ankündigten, ihr Twitter-Konto zu löschen, inzwischen längst wieder eifrig mitzwitschern.

Eine soziale Welt im Netz, wie sie sich Zuckerman, Dobusch und viele andere derzeit vorstellen, würde ein Umdenken erfordern. Es wäre eine Welt, in der profitorientierte und gemeinnützige soziale Netzwerke Seite an Seite existieren. Die Twitter-Übernahme könnte den Anstoß geben. „Wir sind es gewohnt, in einer Welt zu leben, in der jemand in Kalifornien eine Reihe von Regeln aufgestellt hat, an die wir uns zu halten haben“, sagt Zuckerman. Und ergänzt: „Vielleicht ist das nicht die beste Art, einen digitalen Raum zu gestalten, in dem wir ernsthafte Gespräche über die Zukunft führen wollen.“

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