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Ungarn: Der jüdische Schatz von Zalaszentgrot

In Ungarn wird kaum über den Holocaust und historische Verantwortung gesprochen. Es gibt nur einzelne Versuche, die Geschichte aufzuarbeiten. Doch wenn die Erde sich öffnet, müssen die Menschen hinschauen.

Das Thema Holocaust und die damit einhergehende historische Verantwortung werden in Ungarn selten thematisiert. Das gilt vor allem allem auf dem Lande, wo am 15. Mai 1944 die Deportation der ungarischen Juden begann und wohin drei Viertel der jüdischen Bevölkerung nicht mehr zurückkehrten, weil sie meist in den Gaskammern in Auschwitz vernichtet wurden. Eine Erinnerungskultur gibt und gab es nicht. Mit den Menschenleben verschwand auch die jüdische Kultur in der Provinz, Häuser jüdischer Familien nahmen andere in Besitz, die Synagogen wurden abgerissen. Ausgelöscht, als ob sie gar nicht existiert hätten. 

So passierte es auch in Zalaszentgrot, einer Kleinstadt im Südwesten von Ungarn. Es war wohl Fügung, dass die Familie Balazs im September 2021 im Hof ihres neu erworbenen Hauses eine Garage bauen wollte. Plötzlich schaufelte ein Bagger einen verrosteten Tresor aus der Erde frei. Drinnen waren Gegenstände, die ihnen unbekannt waren, aber sie sahen sofort, dass es einzigartige und wertvolle Fundstücke sein mussten. Krisztina Erös, Historikerin und Museumswissenschaftlerin im benachbarten Zalaegerszeg, wurde zum Fundort gebeten, um die Objekte zu identifizieren. Sie erkannte, dass es sich um jüdische liturgische Objekte handelte, aber sie wusste auch nicht, um welche genau.

Das Thema Holocaust und die damit einhergehende historische Verantwortung werden in Ungarn selten thematisiert. Das gilt vor allem allem auf dem Lande, wo am 15. Mai 1944 die Deportation der ungarischen Juden begann und wohin drei Viertel der jüdischen Bevölkerung nicht mehr zurückkehrten, weil sie meist in den Gaskammern in Auschwitz vernichtet wurden. Eine Erinnerungskultur gibt und gab es nicht. Mit den Menschenleben verschwand auch die jüdische Kultur in der Provinz, Häuser jüdischer Familien nahmen andere in Besitz, die Synagogen wurden abgerissen. Ausgelöscht, als ob sie gar nicht existiert hätten. 

Nach Reinigung und Untersuchung der Gegenstände stellte die Historikerin fest, was im Safe verborgen war: Zwei Paar Rimonim (Aufsätze der Tora-Rolle), zwei Zeigestäbe, zwei Tora-Schilder mit der Inschrift „Chewra Kadischa 1935“ (eine Beerdingungsbruderschaft), eine Mesusa (Schriftkapsel am Türpfosten), eine Tora-Krone, zwei Tefillin (Gebetsriemen), fünf Lederschuhe und ein paar deutschsprachige Bücher. Das Haus, in dessen Hof die Schätze gefunden wurden, hatte bis 1899 die jüdische Grundschule beheimatet. 

Ein geheimnisvoller Tresor

Krisztina Erös erzählt, dass die Fundstücke wirklich einzigartig seien – ähnliche Objekte seien in Ungarn noch nie gefunden worden, sagt sie im Gespräch mit der DW. Münzen und Gold schon, aber liturgische Gegenstände und Schuhe noch nie. Die Bücher sind allerdings so stark beschädigt, dass sie nicht mehr restauriert werden können.

„Es gab in Ungarn noch keine vergleichbaren Funde“, bestätigt auch Zsuzsanna Varhegyi, Restauratorin des Ungarischen Nationalmuseums. Die fünf Schuhe stehen derzeit im Kühlschrank im Restaurierungszentrum des Ungarischen Nationalmuseums und sind in einem relativ schlechten Zustand. Sie sind verschimmelt, da sie fast 80 Jahre im nassen Boden im Tresor lagen.

Im Sommer sollen die Schuhe getrocknet, gereinigt und einer Materialprüfung unterzogen werden. Daraufhin werden sie von Studenten der Universität der bildenden Künste restauriert, fehlende Teile werden ergänzt und die Schuhe in einen ausstellungsfähigen Zustand versetzt. Erst dann können sie ins Heimatmuseum nach Zalaegerszeg zurückkehren. Wem die Schuhe gehört haben, bleibt ein Geheimnis.

Aus Österreich und Deutschland stammende aschkenasische jüdische Familien wurden im 18. Jahrhundert in Zalaszentgrot sesshaft. Sie wurden angesiedelt, nachdem die Türken aus Ungarn vertrieben worden waren. Die Stadt beherbergte die größte Gemeinde der Region. Viele Juden waren Mühlenbesitzer, Textil- oder Weinhändler. Ende des 18. Jahrhunderts baute die Gemeinde eine Synagoge. Diese wurde 1955 während der kommunistischen Herrschaft abgerissen. Leider wurden bis heute keine Fotos gefunden, die die Synagoge zeigen.

Im 19. Jahrhundert waren in der Kleinstadt rund 20 Prozent der Bevölkerung jüdischer Abstammung. 1923 lebten 113 Familien am Ort, die sich aber schrittweise assimiliert hatten. Am 15. Mai 1944 – drei Monate nach dem Einmarsch der Truppen Nazi-Deutschlands in Ungarn – wurden die jüdischen Familien der Gegend ins Zalaszentgroter Getto getrieben und am 16. Juni ins Getto des Gendarmerie-Bezirks in Zalaegerszeg transportiert. Etwa zwei Wochen später fuhren die Züge in Richtung Vernichtungslager Auschwitz los.

Zwischen dem 15. Mai und dem 8. Juli 1944 wurden rund 437.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Etwa 320.000 wurden direkt in den Gaskammern des Lagers ermordet, 110.000 zur Zwangsarbeit im Lagerkomplex eingesetzt. Der letzte Rabbiner des Ortes, Adolf Hirtenstein, war 96 Jahre alt, als er samt seiner Gemeinde deportiert wurde. Laut Zeugenberichten starb er aber schon während der Fahrt und musste die Hölle von Auschwitz nicht erleiden. 

Der 69-jährige Dezsö Bonyhard ist der einzige Nachfahre von Holocaust-Überlebenden in Zalaszentgrot. Er ist der Wärter des jüdischen Friedhofs und besitzt das Buch des Vereins Chewra Kadischa, der Beerdigungsbruderschaft. Wem die Fundstücke aus dem kürzlich entdeckten Tresor gehört haben können, weiß er nicht. Auch über den Holocaust oder das jüdische Leben im Ort kann er nicht viel erzählen. Seine Eltern waren beide Überlebende, aber diese Themen waren zu Hause tabu.

Seine Mutter hatte als Zwangsarbeiterin in einer Flugzeugfabrik bei Berlin gearbeitet und war später nach Auschwitz gebracht worden. Sein Vater war Zwangsarbeiter an mehreren Orten im Karpatenbecken. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war er im Lager Mauthausen und im April 1945 beim Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen dabei. Die Eltern hatten 1944 geheiratet. Der Vater wurde aus dem Zwangsarbeitslager in Sarvar für einen Tag beurlaubt, kam heim und heiratete Dezsös Mutter im Getto.

„Als wir größer wurden, fragten wir unseren Vater, warum sie uns nie davon erzählen wollten. Seine Antwort hallt bis heute in meinen Ohren: Damit ihr die Menschen nicht hasst“, so Dezsö. Großeltern habe er keine gehabt, die Familie sei nicht groß gewesen. Aus dem Lager sei nur die Schwester seiner Mutter zurückgekommen. Das habe tiefe Spuren hinterlassen: „Ich nenne es die Holocaust-Krankheit. Andererseits aber erleben wir alles mit einer gewissen Leichtigkeit, wir nehmen das Leben nicht so ernst, nach all dem, was uns passiert ist.“ Auf dem jüdischen Friedhof vor dem Holocaust-Denkmal sagt Dezsö noch einen Satz, der lange nachhallt: „Ich frage nicht nach Sündern, aber ich kann das Geschehene der Menschheit auch nicht verzeihen.“

Von den 400 deportierten Personen kamen nur sieben zurück nach Zalaszentgrot. Heute bewahren nur noch der jüdische Friedhof und das Holocaust-Mahnmal die Spuren des einst blühenden jüdischen Lebens. Gräber, Statuen und Steine, das ist alles, was geblieben ist.

Von den Besitzern der Fundstücke im Tresor oder irgendwelchen Nachkommen fehlt jede Spur. Vor allem eine Frage kommt immer wieder auf: Warum versteckt jemand Schuhe in einem Tresor? Vielleicht glaubten ihre Träger, sie würden bald heimkehren und die guten Stücke wieder anziehen. Eine letzte tragische Hoffnung auf dem Weg in die Vernichtung.

Ungarn | Der jüdische Schatz von Zalaszentgrot
Ungarn | Der jüdische Schatz von Zalaszentgrot

Das Thema Holocaust und die damit einhergehende historische Verantwortung werden in Ungarn selten thematisiert. Das gilt vor allem allem auf dem Lande, wo am 15. Mai 1944 die Deportation der ungarischen Juden begann und wohin drei Viertel der jüdischen Bevölkerung nicht mehr zurückkehrten, weil sie meist in den Gaskammern in Auschwitz vernichtet wurden. Eine Erinnerungskultur gibt und gab es nicht. Mit den Menschenleben verschwand auch die jüdische Kultur in der Provinz, Häuser jüdischer Familien nahmen andere in Besitz, die Synagogen wurden abgerissen. Ausgelöscht, als ob sie gar nicht existiert hätten. 

So passierte es auch in Zalaszentgrot, einer Kleinstadt im Südwesten von Ungarn. Es war wohl Fügung, dass die Familie Balazs im September 2021 im Hof ihres neu erworbenen Hauses eine Garage bauen wollte. Plötzlich schaufelte ein Bagger einen verrosteten Tresor aus der Erde frei. Drinnen waren Gegenstände, die ihnen unbekannt waren, aber sie sahen sofort, dass es einzigartige und wertvolle Fundstücke sein mussten. Krisztina Erös, Historikerin und Museumswissenschaftlerin im benachbarten Zalaegerszeg, wurde zum Fundort gebeten, um die Objekte zu identifizieren. Sie erkannte, dass es sich um jüdische liturgische Objekte handelte, aber sie wusste auch nicht, um welche genau.

Ein geheimnisvoller Tresor

Nach Reinigung und Untersuchung der Gegenstände stellte die Historikerin fest, was im Safe verborgen war: Zwei Paar Rimonim (Aufsätze der Tora-Rolle), zwei Zeigestäbe, zwei Tora-Schilder mit der Inschrift „Chewra Kadischa 1935“ (eine Beerdingungsbruderschaft), eine Mesusa (Schriftkapsel am Türpfosten), eine Tora-Krone, zwei Tefillin (Gebetsriemen), fünf Lederschuhe und ein paar deutschsprachige Bücher. Das Haus, in dessen Hof die Schätze gefunden wurden, hatte bis 1899 die jüdische Grundschule beheimatet. 

Krisztina Erös erzählt, dass die Fundstücke wirklich einzigartig seien – ähnliche Objekte seien in Ungarn noch nie gefunden worden, sagt sie im Gespräch mit der DW. Münzen und Gold schon, aber liturgische Gegenstände und Schuhe noch nie. Die Bücher sind allerdings so stark beschädigt, dass sie nicht mehr restauriert werden können.

„Es gab in Ungarn noch keine vergleichbaren Funde“, bestätigt auch Zsuzsanna Varhegyi, Restauratorin des Ungarischen Nationalmuseums. Die fünf Schuhe stehen derzeit im Kühlschrank im Restaurierungszentrum des Ungarischen Nationalmuseums und sind in einem relativ schlechten Zustand. Sie sind verschimmelt, da sie fast 80 Jahre im nassen Boden im Tresor lagen.

Im Sommer sollen die Schuhe getrocknet, gereinigt und einer Materialprüfung unterzogen werden. Daraufhin werden sie von Studenten der Universität der bildenden Künste restauriert, fehlende Teile werden ergänzt und die Schuhe in einen ausstellungsfähigen Zustand versetzt. Erst dann können sie ins Heimatmuseum nach Zalaegerszeg zurückkehren. Wem die Schuhe gehört haben, bleibt ein Geheimnis.

Die fünf Schuhe 

Aus Österreich und Deutschland stammende aschkenasische jüdische Familien wurden im 18. Jahrhundert in Zalaszentgrot sesshaft. Sie wurden angesiedelt, nachdem die Türken aus Ungarn vertrieben worden waren. Die Stadt beherbergte die größte Gemeinde der Region. Viele Juden waren Mühlenbesitzer, Textil- oder Weinhändler. Ende des 18. Jahrhunderts baute die Gemeinde eine Synagoge. Diese wurde 1955 während der kommunistischen Herrschaft abgerissen. Leider wurden bis heute keine Fotos gefunden, die die Synagoge zeigen.

Die jüdische Gemeinde in Zalaszentgrot

Im 19. Jahrhundert waren in der Kleinstadt rund 20 Prozent der Bevölkerung jüdischer Abstammung. 1923 lebten 113 Familien am Ort, die sich aber schrittweise assimiliert hatten. Am 15. Mai 1944 – drei Monate nach dem Einmarsch der Truppen Nazi-Deutschlands in Ungarn – wurden die jüdischen Familien der Gegend ins Zalaszentgroter Getto getrieben und am 16. Juni ins Getto des Gendarmerie-Bezirks in Zalaegerszeg transportiert. Etwa zwei Wochen später fuhren die Züge in Richtung Vernichtungslager Auschwitz los.

Zwischen dem 15. Mai und dem 8. Juli 1944 wurden rund 437.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Etwa 320.000 wurden direkt in den Gaskammern des Lagers ermordet, 110.000 zur Zwangsarbeit im Lagerkomplex eingesetzt. Der letzte Rabbiner des Ortes, Adolf Hirtenstein, war 96 Jahre alt, als er samt seiner Gemeinde deportiert wurde. Laut Zeugenberichten starb er aber schon während der Fahrt und musste die Hölle von Auschwitz nicht erleiden. 

Der 69-jährige Dezsö Bonyhard ist der einzige Nachfahre von Holocaust-Überlebenden in Zalaszentgrot. Er ist der Wärter des jüdischen Friedhofs und besitzt das Buch des Vereins Chewra Kadischa, der Beerdigungsbruderschaft. Wem die Fundstücke aus dem kürzlich entdeckten Tresor gehört haben können, weiß er nicht. Auch über den Holocaust oder das jüdische Leben im Ort kann er nicht viel erzählen. Seine Eltern waren beide Überlebende, aber diese Themen waren zu Hause tabu.

Der letzte Nachfahre der Holocaust-Überlebenden 

Seine Mutter hatte als Zwangsarbeiterin in einer Flugzeugfabrik bei Berlin gearbeitet und war später nach Auschwitz gebracht worden. Sein Vater war Zwangsarbeiter an mehreren Orten im Karpatenbecken. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war er im Lager Mauthausen und im April 1945 beim Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen dabei. Die Eltern hatten 1944 geheiratet. Der Vater wurde aus dem Zwangsarbeitslager in Sarvar für einen Tag beurlaubt, kam heim und heiratete Dezsös Mutter im Getto.

„Als wir größer wurden, fragten wir unseren Vater, warum sie uns nie davon erzählen wollten. Seine Antwort hallt bis heute in meinen Ohren: Damit ihr die Menschen nicht hasst“, so Dezsö. Großeltern habe er keine gehabt, die Familie sei nicht groß gewesen. Aus dem Lager sei nur die Schwester seiner Mutter zurückgekommen. Das habe tiefe Spuren hinterlassen: „Ich nenne es die Holocaust-Krankheit. Andererseits aber erleben wir alles mit einer gewissen Leichtigkeit, wir nehmen das Leben nicht so ernst, nach all dem, was uns passiert ist.“ Auf dem jüdischen Friedhof vor dem Holocaust-Denkmal sagt Dezsö noch einen Satz, der lange nachhallt: „Ich frage nicht nach Sündern, aber ich kann das Geschehene der Menschheit auch nicht verzeihen.“

Von den 400 deportierten Personen kamen nur sieben zurück nach Zalaszentgrot. Heute bewahren nur noch der jüdische Friedhof und das Holocaust-Mahnmal die Spuren des einst blühenden jüdischen Lebens. Gräber, Statuen und Steine, das ist alles, was geblieben ist.

Von den Besitzern der Fundstücke im Tresor oder irgendwelchen Nachkommen fehlt jede Spur. Vor allem eine Frage kommt immer wieder auf: Warum versteckt jemand Schuhe in einem Tresor? Vielleicht glaubten ihre Träger, sie würden bald heimkehren und die guten Stücke wieder anziehen. Eine letzte tragische Hoffnung auf dem Weg in die Vernichtung.

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