Kultur

„Hitlers Mädchen“: Britische Verbindungen zu den Nazis

Das Buch „Hitler’s Girl“ von Lauren Young beschreibt, wie der Faschismus in den 1930er-Jahren die britische Oberschicht begeisterte und dadurch die Demokratie gefährdete.

Wer sich mit der Geschichte der rechtsextremen und faschistischen Bewegungen im Großbritannien der 1930er-Jahre beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Namen Unity Mitford und Oswald Mosley.

Gerüchten zufolge soll Unity Mitford Adolf Hitlers Partnerin gewesen sein. Oswald Mosley war zwischen 1932 bis 1940 Anführer der British Fascists Union.

Wer sich mit der Geschichte der rechtsextremen und faschistischen Bewegungen im Großbritannien der 1930er-Jahre beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Namen Unity Mitford und Oswald Mosley.

Mitford wie Mosley wurden bereits in mehrere Büchern analysiert. Nun ist im August ein weiteres Buch erschienen: „Hitler’s Girl: The British Aristocracy and the Third Reich on the Eve of WWII“ (Hitlers Mädchen: Die britische Aristokratie und das Dritte Reich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs). Die Autorin, die Yale-Dozentin Lauren Young, hat für ihre Recherchen auf neues, nicht klassifiziertes Material zurückgegriffen.

Komplizenschaft mit den Nazis

Young beleuchtet die Komplizenschaft britischer Aristokraten mit Hitler-Deutschland. Sie deckt auf, welche Gefahren daraus für die britische Demokratie jener Zeit erwuchsen. „Wir werden mit Informationen über den Zweiten Weltkrieg, Hitler und die Nazis überschwemmt“, sagt die Autorin im Gespräch mit der Deutschen Welle, „die westlichen liberalen Demokratien stehen heute vor ähnlichen Herausforderungen wie Großbritannien in den 1930er-Jahren.“ Als Dozentin hat Young zuvor an der London School of Economics gelehrt und war als politische Beraterin tätig, unter anderem bei der UNO.

Das Buch erhellt zunächst den historischen Hintergrund. Es schildert, wie die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die Auflagen des Versailler Vertrags das Land in finanzielle und soziale Krisen stürzten und so Hitlers Aufstieg zur Macht begünstigten.

Anschließend legt Young dar, wie der britische Adel bereits in den 1920er-Jahren mit dem Faschismus liebäugelte. Mitglieder der Oberschicht, darunter der Herzog von Westminster, der Herzog von Buccleuch und der Politiker Harold Nicolson reisten nach Italien, um die faschistische Bewegung in Augenschein zu nehmen.

Selbst Winston Churchill, der spätere britische Regierungschef, besuchte Italien in jener Zeit, um mit einem positiven Eindruck von den Faschisten als „Gegenmittel zum russischen Gift“ zurückzukehren, wie es in dem Buch heißt.

Young untersucht auch die Entstehung der British Union of Fascists (BUF), die von Oswald Mosley angeführt wurde. Sie erörtert, wie viele Mitglieder der Aristokratie, einschließlich der Familie von Unity Mitford, mit ihr verbunden waren.

Die Autorin verschweigt nicht, dass auch in der königlichen Familie nazifreundliche Ansichten anzutreffen waren. Sie erwähnt einen Filmausschnitt aus dem Jahr 1933, auf dem die damals siebenjährige Königin Elizabeth II. zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Margaret – auf Anweisung ihres Onkels, des späteren Königs Edward VIII. – die Hand zum Nazigruß hebt.

Die Veröffentlichung eines Stills in der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ sorgte im Jahr 2015 für Aufsehen. Das Königshaus reagierte empört auf die Veröffentlichung des 80 Jahre alten Films.

Adelige wie der Herzog von Connaught und der Earl of Kincardine hätten Interesse am Besuch eines Arbeits- und Konzentrationslagers in Deutschland bekundet, schreibt Young, um zu verstehen, wie die Nazis „Rassenreinheit und Fitness“ umsetzten.

Das Buch erörtert zudem die Außenpolitik Neville Chamberlains, von 1937 bis 1940 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Ein Eckpfeiler habe darin bestanden, einen Krieg um jeden Preis zu vermeiden, wozu die unausgesprochene Regel zählte, deutschen und österreichischen jüdischen Flüchtlingen die Einreise nach Palästina zu verweigern. Selbst der Transport jüdischer Kinder von Deutschland nach Großbritannien hätte großzügiger ausfallen können, wäre die britische Regierung weniger darauf bedacht gewesen, Hitler zu gefallen, so die Autorin.

Für die Wahl des Buchtitels „Hitlers Mädchen“ habe sie eine Schlagzeile in der britischen Presse der 1930er-Jahre über Unity Mitford inspiriert, sagt Young. Mitford ist sodann eine zentrale Figur in dem Buch.

Mitford kam als eines von sieben Kindern der aristokratischen Familie Redesdale im kanadischen Swastika, Ontario, zur Welt. Sie wurde auf den Namen Unity Valkyrie getauft. Sie und ihre Schwestern Nancy und Diana wuchsen zu „Bright Young Things“ heran – ein Spitzname, den die Boulevardpresse jungen Aristokraten und Prominenten im London der 1920er-Jahre gab. Die Familie war von der extremen Rechten in Großbritannien sehr angetan.

Unitys Schwester Diana heiratete den BUF-Führer Oswald Mosley. Unity selbst war eine glühende Antisemitin, die von Hitler und seiner Persönlichkeit völlig eingenommen war. Sie besuchte sogar ein Mädchenpensionat in Süddeutschland, um den Führer persönlich kennenzulernen. Insgesamt traf sie ihn über 160 Mal.

Young sagt: „Jeder wusste, was Unity Mitford tat. Es war Klatsch und Tratsch. Es war intrigant. Doch niemand dachte daran, dass es sich lohnen würde, durch sie mehr über Hitler zu erfahren, oder sie wegen Hochverrats zu verhaften, wenn sie nach England zurückkehrte.“

Unity Mitford kehrte 1939 nach England zurück, nachdem sie angeblich versucht hatte, sich umzubringen. Obwohl sich Großbritannien im Krieg mit Deutschland befand, blieb ihr eine Anklage wegen Hochverrats erspart. Gleichwohl beschäftigte das Thema weite politische Kreise und die Medien. Es wurde auch gemunkelt, dass sie ein Kind hatte – möglicherweise Hitlers Kind, dessen Geburt nicht registriert wurde, weil es unehelich war. 

„Hitlers Mädchen“ ist kein Versuch, Beweise für das zu finden, was hätte sein können. Es ist vielmehr ein Bericht über das Ausbleiben eines öffentlichen Aufschreis. So sei etwa Chamberlains Beschwichtigungspolitik in vielerlei Hinsicht von Vorteil gewesen, doch habe es auch eine Welle der Unterstützung für Hitler in der britischen Führungsriege sowie ein Wiederaufleben rechter Bewegungen gegeben. In der heutigen Welt gebe es dazu viele Parallelen, argumentiert die Autorin. Mit ihrem Buch wolle sie das Bewusstsein dafür schärfen, dass „Demokratie nicht unser Geburtsrecht“ sei: „In vielen Fällen ist Selbstgefälligkeit gleichbedeutend mit Komplizenschaft“, sagt Young im DW-Gespräch, „bei der Aushöhlung unserer Demokratie, unserer demokratischen Rechte und möglicherweise auch unserer Zukunft als liberale Demokratien“.

Adaption aus dem Englischen: Stefan Dege

Porträt von Lauren Young in weißer Bluse.
Titel der The Sun mit Schwarz-Weiß-Foto, das die Queen als Kind zeigt, während sie den Hitlergruß macht.

Wer sich mit der Geschichte der rechtsextremen und faschistischen Bewegungen im Großbritannien der 1930er-Jahre beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Namen Unity Mitford und Oswald Mosley.

Gerüchten zufolge soll Unity Mitford Adolf Hitlers Partnerin gewesen sein. Oswald Mosley war zwischen 1932 bis 1940 Anführer der British Fascists Union.

Komplizenschaft mit den Nazis

Mitford wie Mosley wurden bereits in mehrere Büchern analysiert. Nun ist im August ein weiteres Buch erschienen: „Hitler’s Girl: The British Aristocracy and the Third Reich on the Eve of WWII“ (Hitlers Mädchen: Die britische Aristokratie und das Dritte Reich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs). Die Autorin, die Yale-Dozentin Lauren Young, hat für ihre Recherchen auf neues, nicht klassifiziertes Material zurückgegriffen.

Young beleuchtet die Komplizenschaft britischer Aristokraten mit Hitler-Deutschland. Sie deckt auf, welche Gefahren daraus für die britische Demokratie jener Zeit erwuchsen. „Wir werden mit Informationen über den Zweiten Weltkrieg, Hitler und die Nazis überschwemmt“, sagt die Autorin im Gespräch mit der Deutschen Welle, „die westlichen liberalen Demokratien stehen heute vor ähnlichen Herausforderungen wie Großbritannien in den 1930er-Jahren.“ Als Dozentin hat Young zuvor an der London School of Economics gelehrt und war als politische Beraterin tätig, unter anderem bei der UNO.

Das Buch erhellt zunächst den historischen Hintergrund. Es schildert, wie die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die Auflagen des Versailler Vertrags das Land in finanzielle und soziale Krisen stürzten und so Hitlers Aufstieg zur Macht begünstigten.

Anschließend legt Young dar, wie der britische Adel bereits in den 1920er-Jahren mit dem Faschismus liebäugelte. Mitglieder der Oberschicht, darunter der Herzog von Westminster, der Herzog von Buccleuch und der Politiker Harold Nicolson reisten nach Italien, um die faschistische Bewegung in Augenschein zu nehmen.

Reisen ins faschistische Italien 

Selbst Winston Churchill, der spätere britische Regierungschef, besuchte Italien in jener Zeit, um mit einem positiven Eindruck von den Faschisten als „Gegenmittel zum russischen Gift“ zurückzukehren, wie es in dem Buch heißt.

Queen Elizabeth II. zeigte als Kind den Hitlergruß 

Young untersucht auch die Entstehung der British Union of Fascists (BUF), die von Oswald Mosley angeführt wurde. Sie erörtert, wie viele Mitglieder der Aristokratie, einschließlich der Familie von Unity Mitford, mit ihr verbunden waren.

Die Autorin verschweigt nicht, dass auch in der königlichen Familie nazifreundliche Ansichten anzutreffen waren. Sie erwähnt einen Filmausschnitt aus dem Jahr 1933, auf dem die damals siebenjährige Königin Elizabeth II. zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Margaret – auf Anweisung ihres Onkels, des späteren Königs Edward VIII. – die Hand zum Nazigruß hebt.

Die Veröffentlichung eines Stills in der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ sorgte im Jahr 2015 für Aufsehen. Das Königshaus reagierte empört auf die Veröffentlichung des 80 Jahre alten Films.

Gerüchte um „Hitlers Mädchen“ Unity Mitford

Adelige wie der Herzog von Connaught und der Earl of Kincardine hätten Interesse am Besuch eines Arbeits- und Konzentrationslagers in Deutschland bekundet, schreibt Young, um zu verstehen, wie die Nazis „Rassenreinheit und Fitness“ umsetzten.

Das Buch erörtert zudem die Außenpolitik Neville Chamberlains, von 1937 bis 1940 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Ein Eckpfeiler habe darin bestanden, einen Krieg um jeden Preis zu vermeiden, wozu die unausgesprochene Regel zählte, deutschen und österreichischen jüdischen Flüchtlingen die Einreise nach Palästina zu verweigern. Selbst der Transport jüdischer Kinder von Deutschland nach Großbritannien hätte großzügiger ausfallen können, wäre die britische Regierung weniger darauf bedacht gewesen, Hitler zu gefallen, so die Autorin.

Young: „Demokratie ist nicht unser Geburtsrecht“

Für die Wahl des Buchtitels „Hitlers Mädchen“ habe sie eine Schlagzeile in der britischen Presse der 1930er-Jahre über Unity Mitford inspiriert, sagt Young. Mitford ist sodann eine zentrale Figur in dem Buch.

Mitford kam als eines von sieben Kindern der aristokratischen Familie Redesdale im kanadischen Swastika, Ontario, zur Welt. Sie wurde auf den Namen Unity Valkyrie getauft. Sie und ihre Schwestern Nancy und Diana wuchsen zu „Bright Young Things“ heran – ein Spitzname, den die Boulevardpresse jungen Aristokraten und Prominenten im London der 1920er-Jahre gab. Die Familie war von der extremen Rechten in Großbritannien sehr angetan.

Unitys Schwester Diana heiratete den BUF-Führer Oswald Mosley. Unity selbst war eine glühende Antisemitin, die von Hitler und seiner Persönlichkeit völlig eingenommen war. Sie besuchte sogar ein Mädchenpensionat in Süddeutschland, um den Führer persönlich kennenzulernen. Insgesamt traf sie ihn über 160 Mal.

Young sagt: „Jeder wusste, was Unity Mitford tat. Es war Klatsch und Tratsch. Es war intrigant. Doch niemand dachte daran, dass es sich lohnen würde, durch sie mehr über Hitler zu erfahren, oder sie wegen Hochverrats zu verhaften, wenn sie nach England zurückkehrte.“

Unity Mitford kehrte 1939 nach England zurück, nachdem sie angeblich versucht hatte, sich umzubringen. Obwohl sich Großbritannien im Krieg mit Deutschland befand, blieb ihr eine Anklage wegen Hochverrats erspart. Gleichwohl beschäftigte das Thema weite politische Kreise und die Medien. Es wurde auch gemunkelt, dass sie ein Kind hatte – möglicherweise Hitlers Kind, dessen Geburt nicht registriert wurde, weil es unehelich war. 

„Hitlers Mädchen“ ist kein Versuch, Beweise für das zu finden, was hätte sein können. Es ist vielmehr ein Bericht über das Ausbleiben eines öffentlichen Aufschreis. So sei etwa Chamberlains Beschwichtigungspolitik in vielerlei Hinsicht von Vorteil gewesen, doch habe es auch eine Welle der Unterstützung für Hitler in der britischen Führungsriege sowie ein Wiederaufleben rechter Bewegungen gegeben. In der heutigen Welt gebe es dazu viele Parallelen, argumentiert die Autorin. Mit ihrem Buch wolle sie das Bewusstsein dafür schärfen, dass „Demokratie nicht unser Geburtsrecht“ sei: „In vielen Fällen ist Selbstgefälligkeit gleichbedeutend mit Komplizenschaft“, sagt Young im DW-Gespräch, „bei der Aushöhlung unserer Demokratie, unserer demokratischen Rechte und möglicherweise auch unserer Zukunft als liberale Demokratien“.

Adaption aus dem Englischen: Stefan Dege

Nachrichten

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"