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Ukraine: Wie der Winter zur Waffe wird

Russland weitet seine Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine aus. Zu Winterbeginn sind Hunderttausende Menschen ohne Strom und Heizung. DW-Reporter Jan-Philipp Scholz hat einige von ihnen getroffen.

Gerade beginnt die schönste Zeit des Jahres. Jedenfalls wenn es nach Polina und ihren Freundinnen geht. Die Wunschliste für den Weihnachtsmann ist bereits verfasst, und nun fängt es sogar an zu schneien. Fast alle anderen Kinder haben das abgelegene Dorf am nordöstlichen Rand der Region Charkiw seit Kriegsbeginn verlassen, auch die Schule ist seit langem geschlossen. Da ist der erste Schnee des Jahres eine willkommene Abwechslung.

„Ab jetzt können wir Schlitten fahren und Schneeballschlachten machen“, erklärt Polina begeistert. Auch den ersten Schneemann hat die Zehnjährige mit ihren Freundinnen schon fast fertig. Sogar eine Möhre für die Nase haben sie auftreiben können. Und die Wettervorhersage zeigt: Schmelzen wird ihr kleines Kunstwerk wohl so schnell nicht. Für die nächsten Tage sind Temperaturen bis minus zwölf Grad angekündigt.

Gerade beginnt die schönste Zeit des Jahres. Jedenfalls wenn es nach Polina und ihren Freundinnen geht. Die Wunschliste für den Weihnachtsmann ist bereits verfasst, und nun fängt es sogar an zu schneien. Fast alle anderen Kinder haben das abgelegene Dorf am nordöstlichen Rand der Region Charkiw seit Kriegsbeginn verlassen, auch die Schule ist seit langem geschlossen. Da ist der erste Schnee des Jahres eine willkommene Abwechslung.

Den meisten Erwachsenen in der Region macht dieser Wetterausblick weniger Freude. Im Gegenteil: Mit den fallenden Temperaturen wächst die Sorge, die nächsten Monate nicht zu überstehen. „Der Frost hier wird von Nacht zu Nacht stärker. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wo das noch hinführen kann“, erzählt Iryna.

Angst vor sinkenden Temperaturen

Die Rentnerin lebt am Rand der Kleinstadt Isjum im Osten der Ukraine, in einer typischen Plattenbauwohnung aus Sowjettagen. Das sechsstöckige Gebäude wurde mehrfach von Artilleriefeuer getroffen, fast alle Nachbarn sind geflüchtet. Iryna ist geblieben. „Wo sollte ich denn hingehen? Zum Fliehen braucht man zumindest ein Auto und ein paar Ersparnisse“, erklärt die Rentnerin. „Die meisten Älteren können hier nicht so einfach weg. Außerdem kommen mit Sicherheit die Plünderer, wenn keiner mehr hier ist.“

Ihr letztes Geld hat Iryna in neue Fenster investiert, sie waren durch den Druck der Explosionen zu Bruch gegangen. Die Scheiben hat sie zusätzlich mit dicken Decken verhangen, damit weniger Kälte von draußen eindringt. Beim Beschuss der vergangenen Monate wurde nämlich auch die Zentralheizung des Wohnblocks zerstört. Im Herbst kamen Freiwillige vorbei, um Iryna eine Elektroheizung für die Wintermonate zu bringen. Dafür ist sie bis heute dankbar – aber trotzdem ist es oft kalt bei ihr.

Seit mehreren Wochen hat Russland seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine massiv ausgeweitet und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. „Gerade erst hatten wir zwei Tage lang keine Elektrizität“, erinnert sich die Rentnerin. In solchen Situationen bliebe ihr nur eins übrig: Sich noch dicker anzuziehen, die letzten Reserven an Gas aufzubrauchen und einen heißen Tee zu kochen.

Überall entlang der Front sind es die älteren Menschen, die durch die fallenden Temperaturen in den kommen Wochen besonders gefährdet sind. Selbst wenn sie Familienangehörige haben, die sie in weniger zerstörte Regionen oder gar ins Ausland bringen können, wollen viele ihr vertrautes Umfeld nicht verlassen. Oxana Melnyks Mutter lebte bis vor wenigen Tagen in einem Dorf auf der anderen Seite der Frontlinie, im russisch besetzen Teil der Ostukraine. Monatelang redete Oxana auf sie ein, dass sie das Dorf verlassen solle. Sie warnte sie vor den immer heftigeren Kämpfen in der Region und vor dem bevorstehenden Winter. Doch die Siebzigjährige blieb stur. „Sie dachte, dass sie das irgendwie überleben würde, dass alles irgendwie vorbeigeht“, berichtet Oxana. „Dabei wissen wir doch inzwischen alle: Es ist noch lange nicht vorbei.“

Schließlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und stieg in ihren mehr als 40 Jahre alten Lada. Zusammen mit einer Bekannten fuhr sie über die zerstörten Straßen des einzigen Korridors, der die ukrainisch kontrollierten mit den russisch besetzen Gebieten verbindet. Vor Ort angekommen konnte sie ihre Mutter schließlich überzeugen, endlich die Koffer zu packen. „Ich habe ihr immer wieder erklärt: Es geht hier um dein Leben. Was ist denn wirklich wertvoll? Doch nicht deine Wohnung, doch nicht irgendein Auto oder was auch immer. Nur das Leben ist am Ende kostbar.“

Auf dem Rückweg blieben die Frauen mehrfach im Schlamm stecken, wurden an Dutzenden russischen und ukrainischen Checkpoints aufgehalten – und dann hatte ihr Uralt-Lada auch noch einen Motorschaden. Am Ende haben sie es aber bis in ein humanitäres Zentrum in der ostukrainischen Regionalhauptstadt Saporischschja geschafft, das eigens für Geflüchtete aus den russisch besetzten Gebieten eingerichtet worden ist.

Für die Frauen ist dies die erste halbwegs sichere Anlaufstelle seit Tagen – und vor allem ein Ort, an dem sie sich endlich aufwärmen können. Hier in Saporischschja erzählt Oxana, dass sie erst nicht wahrhaben wollte, dass Russland den Winter gezielt gegen die Zivilbevölkerung einsetzt. Aber genau das passiere momentan. „Ich bete nur, dass Gott ihnen einen Grund gibt, damit aufzuhören“, seufzt sie. „Lasse sie in Frieden gehen. Sie sollen einfach nur unser Land verlassen, damit nicht noch mehr Menschen sterben.“

Wie es für die Frauen nun weitergeht, wissen sie noch nicht. Erst einmal wollen sie nach Odessa fahren. Dort hat Oxana eine Wohnung. Wirklich sicher es auch dort nicht, wie viele andere Orte in der Ukraine ist Odessa momentan regelmäßiges Ziel massiver Luftangriffe. Aber zumindest sind die Wintermonate in der Hafenstadt an der Schwarzmeerküste nicht ganz so hart wie hier im Osten des Landes.

Ukraine Rentnerin in Isjum
Ukraine Zerstörtes Krankenhaus in Isjum
Ukraine Oxana Melnyk

Gerade beginnt die schönste Zeit des Jahres. Jedenfalls wenn es nach Polina und ihren Freundinnen geht. Die Wunschliste für den Weihnachtsmann ist bereits verfasst, und nun fängt es sogar an zu schneien. Fast alle anderen Kinder haben das abgelegene Dorf am nordöstlichen Rand der Region Charkiw seit Kriegsbeginn verlassen, auch die Schule ist seit langem geschlossen. Da ist der erste Schnee des Jahres eine willkommene Abwechslung.

„Ab jetzt können wir Schlitten fahren und Schneeballschlachten machen“, erklärt Polina begeistert. Auch den ersten Schneemann hat die Zehnjährige mit ihren Freundinnen schon fast fertig. Sogar eine Möhre für die Nase haben sie auftreiben können. Und die Wettervorhersage zeigt: Schmelzen wird ihr kleines Kunstwerk wohl so schnell nicht. Für die nächsten Tage sind Temperaturen bis minus zwölf Grad angekündigt.

Angst vor sinkenden Temperaturen

Den meisten Erwachsenen in der Region macht dieser Wetterausblick weniger Freude. Im Gegenteil: Mit den fallenden Temperaturen wächst die Sorge, die nächsten Monate nicht zu überstehen. „Der Frost hier wird von Nacht zu Nacht stärker. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wo das noch hinführen kann“, erzählt Iryna.

Die Rentnerin lebt am Rand der Kleinstadt Isjum im Osten der Ukraine, in einer typischen Plattenbauwohnung aus Sowjettagen. Das sechsstöckige Gebäude wurde mehrfach von Artilleriefeuer getroffen, fast alle Nachbarn sind geflüchtet. Iryna ist geblieben. „Wo sollte ich denn hingehen? Zum Fliehen braucht man zumindest ein Auto und ein paar Ersparnisse“, erklärt die Rentnerin. „Die meisten Älteren können hier nicht so einfach weg. Außerdem kommen mit Sicherheit die Plünderer, wenn keiner mehr hier ist.“

Ihr letztes Geld hat Iryna in neue Fenster investiert, sie waren durch den Druck der Explosionen zu Bruch gegangen. Die Scheiben hat sie zusätzlich mit dicken Decken verhangen, damit weniger Kälte von draußen eindringt. Beim Beschuss der vergangenen Monate wurde nämlich auch die Zentralheizung des Wohnblocks zerstört. Im Herbst kamen Freiwillige vorbei, um Iryna eine Elektroheizung für die Wintermonate zu bringen. Dafür ist sie bis heute dankbar – aber trotzdem ist es oft kalt bei ihr.

Seit mehreren Wochen hat Russland seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine massiv ausgeweitet und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. „Gerade erst hatten wir zwei Tage lang keine Elektrizität“, erinnert sich die Rentnerin. In solchen Situationen bliebe ihr nur eins übrig: Sich noch dicker anzuziehen, die letzten Reserven an Gas aufzubrauchen und einen heißen Tee zu kochen.

Die Alten verlassen ihr Zuhause nicht

Überall entlang der Front sind es die älteren Menschen, die durch die fallenden Temperaturen in den kommen Wochen besonders gefährdet sind. Selbst wenn sie Familienangehörige haben, die sie in weniger zerstörte Regionen oder gar ins Ausland bringen können, wollen viele ihr vertrautes Umfeld nicht verlassen. Oxana Melnyks Mutter lebte bis vor wenigen Tagen in einem Dorf auf der anderen Seite der Frontlinie, im russisch besetzen Teil der Ostukraine. Monatelang redete Oxana auf sie ein, dass sie das Dorf verlassen solle. Sie warnte sie vor den immer heftigeren Kämpfen in der Region und vor dem bevorstehenden Winter. Doch die Siebzigjährige blieb stur. „Sie dachte, dass sie das irgendwie überleben würde, dass alles irgendwie vorbeigeht“, berichtet Oxana. „Dabei wissen wir doch inzwischen alle: Es ist noch lange nicht vorbei.“

Sicherheit in Saporischschja – und Wärme

Schließlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und stieg in ihren mehr als 40 Jahre alten Lada. Zusammen mit einer Bekannten fuhr sie über die zerstörten Straßen des einzigen Korridors, der die ukrainisch kontrollierten mit den russisch besetzen Gebieten verbindet. Vor Ort angekommen konnte sie ihre Mutter schließlich überzeugen, endlich die Koffer zu packen. „Ich habe ihr immer wieder erklärt: Es geht hier um dein Leben. Was ist denn wirklich wertvoll? Doch nicht deine Wohnung, doch nicht irgendein Auto oder was auch immer. Nur das Leben ist am Ende kostbar.“

Auf dem Rückweg blieben die Frauen mehrfach im Schlamm stecken, wurden an Dutzenden russischen und ukrainischen Checkpoints aufgehalten – und dann hatte ihr Uralt-Lada auch noch einen Motorschaden. Am Ende haben sie es aber bis in ein humanitäres Zentrum in der ostukrainischen Regionalhauptstadt Saporischschja geschafft, das eigens für Geflüchtete aus den russisch besetzten Gebieten eingerichtet worden ist.

Für die Frauen ist dies die erste halbwegs sichere Anlaufstelle seit Tagen – und vor allem ein Ort, an dem sie sich endlich aufwärmen können. Hier in Saporischschja erzählt Oxana, dass sie erst nicht wahrhaben wollte, dass Russland den Winter gezielt gegen die Zivilbevölkerung einsetzt. Aber genau das passiere momentan. „Ich bete nur, dass Gott ihnen einen Grund gibt, damit aufzuhören“, seufzt sie. „Lasse sie in Frieden gehen. Sie sollen einfach nur unser Land verlassen, damit nicht noch mehr Menschen sterben.“

Wie es für die Frauen nun weitergeht, wissen sie noch nicht. Erst einmal wollen sie nach Odessa fahren. Dort hat Oxana eine Wohnung. Wirklich sicher es auch dort nicht, wie viele andere Orte in der Ukraine ist Odessa momentan regelmäßiges Ziel massiver Luftangriffe. Aber zumindest sind die Wintermonate in der Hafenstadt an der Schwarzmeerküste nicht ganz so hart wie hier im Osten des Landes.

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