Wirtschaft

Türkei vor der Wahl: Fleisch für viele Menschen unerschwinglich

Die stark steigenden Lebensmittelpreise sind ein großes Problem für viele Türken. Vieles wird zum Luxusgut. Das könnte bei der Präsidentschaftswahl eine entscheidende Rolle spielen.

Während die Türkei auf die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Mai zusteuert, gehören die steigenden Lebenshaltungskosten zu den wichtigsten Diskussionsthemen in der türkischen Öffentlichkeit. Es ist kein Geheimnis, dass sich die türkische Wirtschaft schon länger in einer Krise befindet. Das Land leider unter einer extrem hohen Inflation. Laut offiziellen Angaben betrug sie im März 2023 rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. 

Laut den Berechnungen der Unabhängigen Forschungsgruppe Inflation (Inflation Research Group – ENAG) liegt diese sogar bei 112 Prozent: Ein Hinweis darauf, dass die türkischen Behörden die Zahlen beschönigen. Die türkische Lira verlor in den vergangenen Jahren gegenüber dem Euro und dem US-Dollar zunehmend an Wert. Bekam man für einen Euro im Jahr 2014 circa 2,90 Lira, so sind es heute über 21 Lira.

Während die Türkei auf die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Mai zusteuert, gehören die steigenden Lebenshaltungskosten zu den wichtigsten Diskussionsthemen in der türkischen Öffentlichkeit. Es ist kein Geheimnis, dass sich die türkische Wirtschaft schon länger in einer Krise befindet. Das Land leider unter einer extrem hohen Inflation. Laut offiziellen Angaben betrug sie im März 2023 rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. 

Als Präsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch (12.04.2023) das Wahlprogramm seiner Partei AKP bekanntgab, versprach er, die Inflation wieder in den einstelligen Bereich zu bringen, sollte er wiedergewählt werden. Auch die Instabilität der Lebensmittelpreise wolle er „besiegen“.

„Das allerwichtigste Thema für die Wahl“

Laut einer Studie des Forschungszentrums der Gewerkschaft (DISK-AR) sind die Lebensmittelpreise in den letzten 20 Jahren um 1750 Prozent angestiegen. Erdogans AKP ist seit 21 Jahren an der Macht. Die Türkei befindet sich an der fünften Stelle auf der Liste der globalen Lebensmittel-Inflation: Mit 69 Prozent folgt die Türkei dem Libanon, Zimbabwe, Argentinien und dem Iran. Laut den Daten des Nationalen Rates für Rotes Fleisch ist Hackfleisch im letzten Monat über 30 Prozent teurer geworden, während der Anstieg im vergangenen Jahr sogar bei 147 Prozent lag.

Die Krise bedeutet für die Türken nicht nur, dass es beispielsweise schwieriger ist, Urlaub im Ausland zu machen, sondern viele haben inzwischen Schwierigkeiten, sich Lebensmittel im eigenen Land leisten zu können: Ein Faktor, der die Entscheidung der Wähler am 14. Mai beeinflussen könnte.

„Die Lebensmittel-Inflation wird in der Wahl das entscheidende Thema sein“, so der türkische Politikwissenschaftler Berk Esen von der Sabanci-Universität in Istanbul. Sie sei der wichtigste Faktor, der die Regierung vor der Wahl erschüttert.

„Die Lebensmittel-Inflation schwächt die Regierung deutlich. Alleine aus diesem Grund hat die Regierung Schwierigkeiten, ihre Basis zusammenzuhalten. Ein wichtiger Bestandteil der AKP-Wählerschaft ist die untere Mittelschicht. Diese ist von der Lebensmittel-Inflation direkt betroffen“, so Esen im Gespräch mit der DW.

Der normale türkische Bürger kann sich inzwischen Milch- und Fleischprodukte nicht mehr leisten: Diese werden nicht mehr für jeden zu haben sein, so Semsi Bayraktar, Präsident des Türkischen Verbandes der Landwirtschaftskammer. Die Hersteller können wegen den Preiserhöhungen für Tierfutter ihre Tiere nicht mehr füttern, so Bayraktar, im Gespräch mit der DW. „Die Zuchttiere wurden geschlachtet. Die Milchmenge, die an die weiterverarbeitende Industrie geliefert wurde, nahm ab. Wegen der Erhöhung der Kosten und der Senkung des Angebots stiegen die Fleischpreise. Der Verbraucher hat Schwierigkeiten, zu den Fleisch- und Milchprodukten überhaupt Zugang zu finden“, so Bayraktar.

Während der Corona-Pandemie habe man alle Hotels und Restaurants geschlossen: Orte, an denen viel Fleisch verbraucht wird. „70 Prozent des Fleisches konnte man damals nicht verbrauchen. Diese Produkte verkauften die Hersteller für sehr niedrige Preise“, so Ahmet Yücesan, Präsident des Verbandes der Fleischhersteller und -industrie (ETBIR). Heute seien Tourismus und Gastronomie wieder lebendig und der Fleischkonsum habe wieder sein früheres Niveau erreicht. „Aber da es nun keine ausreichenden Investitionen gibt, kann die Nachfrage im Inland nicht befriedigt werden. Deswegen gehen die Preise seit sechs Monaten stetig hoch“, so Yücesan.

Er macht für die steigenden Preise die „falsche Politik“ der Regierung verantwortlich. „Während der Pandemiekrise wurde keine gute Planung auf den Weg gebracht. Die notwendigen Maßnahmen wurden nicht ergriffen“, so Yücesan im Gespräch mit der DW.

Angesichts der steigenden Preise entschied sich die Regierung, Tierimporte aus dem Ausland auszubauen. Die Behörde für Fleisch und Milch (ESK) plant den Import von über einer halben Million Tieren und 8500 Tonnen verarbeiteten Fleischs, vor allem aus Lateinamerika.

Der Direktor des Türkischen Verbandes der Roten Fleisch-Hersteller (TÜKETBIR) beklagt sich, dass die Politik der Regierung nicht nachhaltig oder zukunftsfähig sei, sondern darauf ausgerichtet, „bloß den Tag zu retten“. Bülent Tunc betont, die Hersteller seien nicht grundsätzlich gegen den geplanten Import, sondern gegen die politische Planlosigkeit: Die Regierung treffe widersprüchliche Entscheidungen. „Früher sagte der Minister, sie hätten alles geplant. Dass sie in drei Jahren die Importe stoppen und nie wieder importieren würden. Wir haben dann entsprechend investiert. Hunderte, tausende Anlagen wurden gebaut, viele neue Unternehmen wurden gegründet. Und plötzlich heißt es, dass über 500.000 Tiere importiert werden. Das verstört uns als Hersteller. Wir erleben immer wieder dasselbe Szenario wegen der Politiker, die sich auf die Rettung des Tages konzentrieren“, so Tunc.

Ähnlich wie Tunc ist ETBIR-Präsident Yücesan der Meinung, dass Importe für die Märkte als „Trostpflaster“ dienen würden. „Die Preise werden weiterhin ansteigen, aber nicht sinken“, so Yücesan.

Der Präsident der Stiftung für Verbraucherrechte, Turhan Cakar, erklärte kürzlich den Ernst der Lage mit den folgenden Worten: „Nie in der Geschichte der Republik waren Lebensmitteln so teuer wie heute. Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher hat keinen Zugang zu Grundnahrungsmitteln. Sie können sich nicht ernähren.“

Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine Erdogan begrüßen ihre Anhänger in einer Wahlkampfveranstaltung
Eine Metzgerei in der Türkei
Ahmet Yücesan, Vorsitzender des Verbandes der Fleischindustrie

Während die Türkei auf die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Mai zusteuert, gehören die steigenden Lebenshaltungskosten zu den wichtigsten Diskussionsthemen in der türkischen Öffentlichkeit. Es ist kein Geheimnis, dass sich die türkische Wirtschaft schon länger in einer Krise befindet. Das Land leider unter einer extrem hohen Inflation. Laut offiziellen Angaben betrug sie im März 2023 rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. 

Laut den Berechnungen der Unabhängigen Forschungsgruppe Inflation (Inflation Research Group – ENAG) liegt diese sogar bei 112 Prozent: Ein Hinweis darauf, dass die türkischen Behörden die Zahlen beschönigen. Die türkische Lira verlor in den vergangenen Jahren gegenüber dem Euro und dem US-Dollar zunehmend an Wert. Bekam man für einen Euro im Jahr 2014 circa 2,90 Lira, so sind es heute über 21 Lira.

„Das allerwichtigste Thema für die Wahl“

Als Präsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch (12.04.2023) das Wahlprogramm seiner Partei AKP bekanntgab, versprach er, die Inflation wieder in den einstelligen Bereich zu bringen, sollte er wiedergewählt werden. Auch die Instabilität der Lebensmittelpreise wolle er „besiegen“.

Laut einer Studie des Forschungszentrums der Gewerkschaft (DISK-AR) sind die Lebensmittelpreise in den letzten 20 Jahren um 1750 Prozent angestiegen. Erdogans AKP ist seit 21 Jahren an der Macht. Die Türkei befindet sich an der fünften Stelle auf der Liste der globalen Lebensmittel-Inflation: Mit 69 Prozent folgt die Türkei dem Libanon, Zimbabwe, Argentinien und dem Iran. Laut den Daten des Nationalen Rates für Rotes Fleisch ist Hackfleisch im letzten Monat über 30 Prozent teurer geworden, während der Anstieg im vergangenen Jahr sogar bei 147 Prozent lag.

Die Krise bedeutet für die Türken nicht nur, dass es beispielsweise schwieriger ist, Urlaub im Ausland zu machen, sondern viele haben inzwischen Schwierigkeiten, sich Lebensmittel im eigenen Land leisten zu können: Ein Faktor, der die Entscheidung der Wähler am 14. Mai beeinflussen könnte.

„Die Lebensmittel-Inflation wird in der Wahl das entscheidende Thema sein“, so der türkische Politikwissenschaftler Berk Esen von der Sabanci-Universität in Istanbul. Sie sei der wichtigste Faktor, der die Regierung vor der Wahl erschüttert.

Milch und Fleisch werden immer mehr zu Luxus

„Die Lebensmittel-Inflation schwächt die Regierung deutlich. Alleine aus diesem Grund hat die Regierung Schwierigkeiten, ihre Basis zusammenzuhalten. Ein wichtiger Bestandteil der AKP-Wählerschaft ist die untere Mittelschicht. Diese ist von der Lebensmittel-Inflation direkt betroffen“, so Esen im Gespräch mit der DW.

„Die Regierung möchte den Tag retten“

Der normale türkische Bürger kann sich inzwischen Milch- und Fleischprodukte nicht mehr leisten: Diese werden nicht mehr für jeden zu haben sein, so Semsi Bayraktar, Präsident des Türkischen Verbandes der Landwirtschaftskammer. Die Hersteller können wegen den Preiserhöhungen für Tierfutter ihre Tiere nicht mehr füttern, so Bayraktar, im Gespräch mit der DW. „Die Zuchttiere wurden geschlachtet. Die Milchmenge, die an die weiterverarbeitende Industrie geliefert wurde, nahm ab. Wegen der Erhöhung der Kosten und der Senkung des Angebots stiegen die Fleischpreise. Der Verbraucher hat Schwierigkeiten, zu den Fleisch- und Milchprodukten überhaupt Zugang zu finden“, so Bayraktar.

Während der Corona-Pandemie habe man alle Hotels und Restaurants geschlossen: Orte, an denen viel Fleisch verbraucht wird. „70 Prozent des Fleisches konnte man damals nicht verbrauchen. Diese Produkte verkauften die Hersteller für sehr niedrige Preise“, so Ahmet Yücesan, Präsident des Verbandes der Fleischhersteller und -industrie (ETBIR). Heute seien Tourismus und Gastronomie wieder lebendig und der Fleischkonsum habe wieder sein früheres Niveau erreicht. „Aber da es nun keine ausreichenden Investitionen gibt, kann die Nachfrage im Inland nicht befriedigt werden. Deswegen gehen die Preise seit sechs Monaten stetig hoch“, so Yücesan.

Er macht für die steigenden Preise die „falsche Politik“ der Regierung verantwortlich. „Während der Pandemiekrise wurde keine gute Planung auf den Weg gebracht. Die notwendigen Maßnahmen wurden nicht ergriffen“, so Yücesan im Gespräch mit der DW.

„Preise werden nicht sinken“

Angesichts der steigenden Preise entschied sich die Regierung, Tierimporte aus dem Ausland auszubauen. Die Behörde für Fleisch und Milch (ESK) plant den Import von über einer halben Million Tieren und 8500 Tonnen verarbeiteten Fleischs, vor allem aus Lateinamerika.

Der Direktor des Türkischen Verbandes der Roten Fleisch-Hersteller (TÜKETBIR) beklagt sich, dass die Politik der Regierung nicht nachhaltig oder zukunftsfähig sei, sondern darauf ausgerichtet, „bloß den Tag zu retten“. Bülent Tunc betont, die Hersteller seien nicht grundsätzlich gegen den geplanten Import, sondern gegen die politische Planlosigkeit: Die Regierung treffe widersprüchliche Entscheidungen. „Früher sagte der Minister, sie hätten alles geplant. Dass sie in drei Jahren die Importe stoppen und nie wieder importieren würden. Wir haben dann entsprechend investiert. Hunderte, tausende Anlagen wurden gebaut, viele neue Unternehmen wurden gegründet. Und plötzlich heißt es, dass über 500.000 Tiere importiert werden. Das verstört uns als Hersteller. Wir erleben immer wieder dasselbe Szenario wegen der Politiker, die sich auf die Rettung des Tages konzentrieren“, so Tunc.

Ähnlich wie Tunc ist ETBIR-Präsident Yücesan der Meinung, dass Importe für die Märkte als „Trostpflaster“ dienen würden. „Die Preise werden weiterhin ansteigen, aber nicht sinken“, so Yücesan.

Der Präsident der Stiftung für Verbraucherrechte, Turhan Cakar, erklärte kürzlich den Ernst der Lage mit den folgenden Worten: „Nie in der Geschichte der Republik waren Lebensmitteln so teuer wie heute. Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher hat keinen Zugang zu Grundnahrungsmitteln. Sie können sich nicht ernähren.“

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