Kultur

Shigeru Miyamoto: Der Großmeister der Videospiele wird 70

Er holte Märchen in die Welt der Videospiele: Entwickler Shigeru Miyamoto wurde mit Nintendo-Klassikern wie “Super Mario” und “Zelda” weltberühmt. DW-Autorin Christine Lehnen lernte von ihm, dass sie alles schaffen kann.

Als Buchautorin werde ich häufig nach meinen Vorbildern gefragt, nach den Geschichtenerzählern, die mich beeinflusst und geprägt haben. Die meisten Namen, die ich nenne, sind wohlbekannt: Ob George Orwell, der “1984” verfasste, die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke und die Weimarer Schriftstellerin Irmgard Keun, J. R. R. Tolkien, Verfasser des “Herrn der Ringe” oder Haruki Murakami, internationaler Star der japanischen Literatur und ewiger Nobelpreiskandidat.

Nur ein Name sorgt zuverlässig für erhobene Augenbrauen, ob auf Lesungen, in Interviews oder bei Kollegengesprächen: Shigeru Miyamoto.

Als Buchautorin werde ich häufig nach meinen Vorbildern gefragt, nach den Geschichtenerzählern, die mich beeinflusst und geprägt haben. Die meisten Namen, die ich nenne, sind wohlbekannt: Ob George Orwell, der “1984” verfasste, die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke und die Weimarer Schriftstellerin Irmgard Keun, J. R. R. Tolkien, Verfasser des “Herrn der Ringe” oder Haruki Murakami, internationaler Star der japanischen Literatur und ewiger Nobelpreiskandidat.

Mit Superlativen soll man vorsichtig umgehen, in diesem Fall sind sie jedoch die einzig richtige Wahl: Shigeru Miyamoto, der am 16. November 1952 im japanischen Nantan City geboren wurde, ist der erfolgreichste Spieleentwickler des 20. Jahrhunderts. 1977 fing der Absolvent des Kanazawa College of Art als Designer beim Videospielhersteller Nintendo in Tokio an. Statt seinen Traum zu verwirklichen und Mangas zu zeichnen, entwarf Miyamoto drei Jahre lang Gehäuse für die Videospielautomaten der Firma Nintendo.

Wie Miyamoto Nintendo vor der Pleite rettete

Nintendo bestand damals schon seit rund 100 Jahren. Es hatte bereits viele Entwicklungen durchgemacht, sowohl Kartenspiele als auch Instant-Reisgerichte und Spielzeuge hergestellt. In den späten 1970er-Jahren investierte die Firma viel Geld in ein Videospiel namens “Radar Scope” – ein Arcade-Shooter ähnlich wie “Space Invaders” -, um den lukrativen US-amerikanischen Markt zu erobern.

Doch “Radar Scope” floppte. Ein Ersatz musste her, und so ergab sich für Miyamoto die Chance, nicht nur die Gehäuse, sondern gleich ein ganzes Spiel zu entwickeln.  

Der damals 28-Jährige ergriff die Gelegenheit – und verhalf sich und seiner Firma mit der Erfindung von “Donkey Kong” zu Weltruhm. Mit dem Spiel rettete Shigeru Miyamoto nicht nur Nintendo vor dem finanziellen Ruin, sondern erschuf obendrein drei der langlebigsten Figuren der Popkultur des 20. Jahrhunderts: den italienischen Klempner Mario, der mithilfe von Pilzen seine Größe verändern kann, seine geliebte Prinzessin Peach und einen Gorilla mit roter Krawatte namens Donkey Kong.

Seitdem entwickelt Shigeru Miyamoto Spiele, von 2002 bis 2020 als Direktor der Firma. Ein weiterer Coup gelang ihm, als er in den 1980er-Jahren die Videospielreihe “The Legend of Zelda” um den jungen Helden Link erfand, der sich wieder und wieder derselben Aufgabe stellen muss: Prinzessin Zelda zu retten und das Königreich Hyrule vor dem Bösewicht Ganon – auch als Ganondorf bekannt – zu bewahren. 

Super Mario, Link und Donkey Kong: Shigeru Miyamoto ist heute in der Videospielbranche so berühmt wie Steven Spielberg in Hollywood und seine Figuren sind unter Kindern bekannter als Micky Maus. Obwohl sie nicht sprechen und höchstens Laute oder Versatzstücke von sich geben (Mario ruft gerne “Mamma mia!”, Link ist gleich ganz stumm), spielen Kinder und Erwachsene weltweit seit 40 Jahren die Nintendo-Spiele mit Miyamotos prägenden Helden.

Auch ich. Ausgestattet mit einem Game Boy und einer Super-Nintendo-Konsole, die sich mein älterer Bruder gekauft hatte, fand ich schon als Kind an der Seite von Link, Mario, Donkey Kong und meinen Brüder heraus, was es bedeutete, die Welt zu retten. Durch Shigeru Miyamotos Spiele wuchs ich in dem festen Glauben heran, alles schaffen zu können, was ich mir vornahm – und dass das Ganze sogar ein bisschen Spaß machen durfte.

Denn bei Miyamoto darf die ganze Familie auf Heldenreise gehen. Er erfand global anschlussfähige Helden – es sind alles Männer, auch wenn Link gerade androgyn genug ist, um auch ein kleines Mädchen wie mich zu begeistern -, und damit auch die Heldenreise für das ausgehende 20. und frühe 21. Jahrhundert neu.

In der griechischen Antike und im europäischen Mittelalter bedeutete Heldsein noch, sich durch Waffengewalt in Schlachten ewigen Ruhm zu erkämpfen, so erzählen es uns die “Ilias” und “Beowulf”. Bei den Artusrittern in der frühen Neuzeit mussten die Helden dann christliche Frömmigkeit und Loyalität gegenüber dem Lehnsherrn vereinen, indem sie sich zahllosen Versuchungen stellten und ihnen widerstanden. Dabei kamen die Freuden des Lebens schon mal zu kurz: Der einzige Artusritter, der sofort zum Himmel auffährt, als er den Heiligen Gral erblickt, ist der keusche Sir Galahad.  

Bei Nintendo hingegen macht es vor allen Dingen Spaß, die Welt zu retten: Shigeru Miyamoto hat fröhlich Helden erschaffen und Spiele, die Freude bereiten. Auch wenn sich ernste Töne einschleichen, so zum Beispiel in den jüngsten Spielen der Zelda-Reihe, kommt der Spielspaß dabei nie zu kurz. Vor allen Dingen aber nehmen sich seine Kreationen nicht zu ernst, ganz im Gegensatz zum US-amerikanischen Superhelden-Kino der Marken Marvel und DC.

Wenn Super Mario eine Geistesgenossin in der Welt der Bücher und Filme hat, dann ist das nicht Superman, sondern Alice, die sich ins Wunderland verirrt. Auch Wendy, die mit Peter Pan ins fantastische Nimmerland reist, oder Hans im Glück aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm wären passende Gefährten.

Denn letztendlich geht es bei Mario & Co. nicht um die Helden und ihre moralischen oder psychologischen Dilemmata: Shigeru Miyamoto hat die Märchen in die Welt der Videospiele geholt. Hier siegt Gut gegen Böse, die Hoffnung stirbt nie, und die Welt zu retten und zu bereisen macht auch noch eine ganze Menge Spaß. Deshalb wird er immer einer meiner großen Vorbilder bleiben. Wenn man wissen will, wie man eine Geschichte mit Hoffnung erzählt, mit Witz und Verve, mit einem richtigen Happy End, dann schaut man nicht zu Disney, man schaut zu Shigeru Miyamoto. 

Am 16. November 2022 wird Shigeru Miyamoto 70 Jahre alt – im Ruhestand ist er aber noch nicht. Als “repräsentativer Geschäftsführer” hat er in den vergangenen Jahren einen Super Nintendo Freizeitpark in den Universal Studios in Tokio eröffnet und an einem Spielfilm mitgearbeitet, denn Hollywood bringt den bärtigen Klempner Mario auf die große Leinwand: “Super Mario Bros” läuft im Frühjahr 2023 in Kinos auf der ganzen Welt an. Allen Grund zur Vorfreude aufs neue Lebensjahr. Happy birthday, Mr. Miyamoto!

DW-Redakteurin Christine Lehnen
Ein Ausschnitt aus Donkey Kong: Mario muss in Pixeloptik Leitern erklimmen, um Prinzessin Peach zu retten
Aufnahme aus dem Nintendo Store in Tokio: Eine Statue von Link schaut in die Kamera

Als Buchautorin werde ich häufig nach meinen Vorbildern gefragt, nach den Geschichtenerzählern, die mich beeinflusst und geprägt haben. Die meisten Namen, die ich nenne, sind wohlbekannt: Ob George Orwell, der “1984” verfasste, die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke und die Weimarer Schriftstellerin Irmgard Keun, J. R. R. Tolkien, Verfasser des “Herrn der Ringe” oder Haruki Murakami, internationaler Star der japanischen Literatur und ewiger Nobelpreiskandidat.

Nur ein Name sorgt zuverlässig für erhobene Augenbrauen, ob auf Lesungen, in Interviews oder bei Kollegengesprächen: Shigeru Miyamoto.

Wie Miyamoto Nintendo vor der Pleite rettete

Mit Superlativen soll man vorsichtig umgehen, in diesem Fall sind sie jedoch die einzig richtige Wahl: Shigeru Miyamoto, der am 16. November 1952 im japanischen Nantan City geboren wurde, ist der erfolgreichste Spieleentwickler des 20. Jahrhunderts. 1977 fing der Absolvent des Kanazawa College of Art als Designer beim Videospielhersteller Nintendo in Tokio an. Statt seinen Traum zu verwirklichen und Mangas zu zeichnen, entwarf Miyamoto drei Jahre lang Gehäuse für die Videospielautomaten der Firma Nintendo.

Nintendo bestand damals schon seit rund 100 Jahren. Es hatte bereits viele Entwicklungen durchgemacht, sowohl Kartenspiele als auch Instant-Reisgerichte und Spielzeuge hergestellt. In den späten 1970er-Jahren investierte die Firma viel Geld in ein Videospiel namens “Radar Scope” – ein Arcade-Shooter ähnlich wie “Space Invaders” -, um den lukrativen US-amerikanischen Markt zu erobern.

Doch “Radar Scope” floppte. Ein Ersatz musste her, und so ergab sich für Miyamoto die Chance, nicht nur die Gehäuse, sondern gleich ein ganzes Spiel zu entwickeln.  

Der damals 28-Jährige ergriff die Gelegenheit – und verhalf sich und seiner Firma mit der Erfindung von “Donkey Kong” zu Weltruhm. Mit dem Spiel rettete Shigeru Miyamoto nicht nur Nintendo vor dem finanziellen Ruin, sondern erschuf obendrein drei der langlebigsten Figuren der Popkultur des 20. Jahrhunderts: den italienischen Klempner Mario, der mithilfe von Pilzen seine Größe verändern kann, seine geliebte Prinzessin Peach und einen Gorilla mit roter Krawatte namens Donkey Kong.

Der nächste Coup: “The Legend of Zelda”

Seitdem entwickelt Shigeru Miyamoto Spiele, von 2002 bis 2020 als Direktor der Firma. Ein weiterer Coup gelang ihm, als er in den 1980er-Jahren die Videospielreihe “The Legend of Zelda” um den jungen Helden Link erfand, der sich wieder und wieder derselben Aufgabe stellen muss: Prinzessin Zelda zu retten und das Königreich Hyrule vor dem Bösewicht Ganon – auch als Ganondorf bekannt – zu bewahren. 

Märchen auf der Spielekonsole

Super Mario, Link und Donkey Kong: Shigeru Miyamoto ist heute in der Videospielbranche so berühmt wie Steven Spielberg in Hollywood und seine Figuren sind unter Kindern bekannter als Micky Maus. Obwohl sie nicht sprechen und höchstens Laute oder Versatzstücke von sich geben (Mario ruft gerne “Mamma mia!”, Link ist gleich ganz stumm), spielen Kinder und Erwachsene weltweit seit 40 Jahren die Nintendo-Spiele mit Miyamotos prägenden Helden.

Auch ich. Ausgestattet mit einem Game Boy und einer Super-Nintendo-Konsole, die sich mein älterer Bruder gekauft hatte, fand ich schon als Kind an der Seite von Link, Mario, Donkey Kong und meinen Brüder heraus, was es bedeutete, die Welt zu retten. Durch Shigeru Miyamotos Spiele wuchs ich in dem festen Glauben heran, alles schaffen zu können, was ich mir vornahm – und dass das Ganze sogar ein bisschen Spaß machen durfte.

Denn bei Miyamoto darf die ganze Familie auf Heldenreise gehen. Er erfand global anschlussfähige Helden – es sind alles Männer, auch wenn Link gerade androgyn genug ist, um auch ein kleines Mädchen wie mich zu begeistern -, und damit auch die Heldenreise für das ausgehende 20. und frühe 21. Jahrhundert neu.

In der griechischen Antike und im europäischen Mittelalter bedeutete Heldsein noch, sich durch Waffengewalt in Schlachten ewigen Ruhm zu erkämpfen, so erzählen es uns die “Ilias” und “Beowulf”. Bei den Artusrittern in der frühen Neuzeit mussten die Helden dann christliche Frömmigkeit und Loyalität gegenüber dem Lehnsherrn vereinen, indem sie sich zahllosen Versuchungen stellten und ihnen widerstanden. Dabei kamen die Freuden des Lebens schon mal zu kurz: Der einzige Artusritter, der sofort zum Himmel auffährt, als er den Heiligen Gral erblickt, ist der keusche Sir Galahad.  

Bei Nintendo hingegen macht es vor allen Dingen Spaß, die Welt zu retten: Shigeru Miyamoto hat fröhlich Helden erschaffen und Spiele, die Freude bereiten. Auch wenn sich ernste Töne einschleichen, so zum Beispiel in den jüngsten Spielen der Zelda-Reihe, kommt der Spielspaß dabei nie zu kurz. Vor allen Dingen aber nehmen sich seine Kreationen nicht zu ernst, ganz im Gegensatz zum US-amerikanischen Superhelden-Kino der Marken Marvel und DC.

Wenn Super Mario eine Geistesgenossin in der Welt der Bücher und Filme hat, dann ist das nicht Superman, sondern Alice, die sich ins Wunderland verirrt. Auch Wendy, die mit Peter Pan ins fantastische Nimmerland reist, oder Hans im Glück aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm wären passende Gefährten.

Denn letztendlich geht es bei Mario & Co. nicht um die Helden und ihre moralischen oder psychologischen Dilemmata: Shigeru Miyamoto hat die Märchen in die Welt der Videospiele geholt. Hier siegt Gut gegen Böse, die Hoffnung stirbt nie, und die Welt zu retten und zu bereisen macht auch noch eine ganze Menge Spaß. Deshalb wird er immer einer meiner großen Vorbilder bleiben. Wenn man wissen will, wie man eine Geschichte mit Hoffnung erzählt, mit Witz und Verve, mit einem richtigen Happy End, dann schaut man nicht zu Disney, man schaut zu Shigeru Miyamoto. 

Ein lebensgroßer Mario und Shigeru Miyamoto in weißem T-Shirt und mit Mario-Mütze recken die Arme in die Höhe

Am 16. November 2022 wird Shigeru Miyamoto 70 Jahre alt – im Ruhestand ist er aber noch nicht. Als “repräsentativer Geschäftsführer” hat er in den vergangenen Jahren einen Super Nintendo Freizeitpark in den Universal Studios in Tokio eröffnet und an einem Spielfilm mitgearbeitet, denn Hollywood bringt den bärtigen Klempner Mario auf die große Leinwand: “Super Mario Bros” läuft im Frühjahr 2023 in Kinos auf der ganzen Welt an. Allen Grund zur Vorfreude aufs neue Lebensjahr. Happy birthday, Mr. Miyamoto!

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