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Afghanistan – 20 Jahre Mission impossible

Politik, Militär, Zivilgesellschaft, alle zweifelten am Erfolg einer Mission auf Drängen der USA. Dieses Bild vermittelt eine Experten-Runde im Bundestag.

“Nichts ist gut in Afghanistan” – für diese Behauptung erntet die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, 2010 mehr Kritik als Zuspruch. Zwölf Jahre später: In einer Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, die den Einsatz aufarbeiten will, blicken drei Experten aus sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die 2001 gestartete und 2021 erfolglos beendete Militärmission zurück. Ihr gemeinsames Fazit lässt sich so zusammenfassen: Wenig war gut in Afghanistan.

So sagt das zwar niemand, aber vieles klingt danach. Und dabei spielt es keine Rolle, wer gerade über die nach 20 Jahren komplett gescheiterte internationale Mission spricht. Geladen sind der ehemalige Diplomat Michael Steiner, der pensionierte Generalleutnant Carl-Hubertus von Butler sowie der Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter.  

“Nichts ist gut in Afghanistan” – für diese Behauptung erntet die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, 2010 mehr Kritik als Zuspruch. Zwölf Jahre später: In einer Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, die den Einsatz aufarbeiten will, blicken drei Experten aus sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die 2001 gestartete und 2021 erfolglos beendete Militärmission zurück. Ihr gemeinsames Fazit lässt sich so zusammenfassen: Wenig war gut in Afghanistan.

Auslöser des Militär-Einsatzes in Afghanistan waren die islamistischen Anschläge der Terrorgruppe Al Kaida vom 11. September 2001 in New York und Washington, bei denen weit über 3000 Menschen getötet wurden. Michael Steiner ist zu dieser Zeit außen- und sicherheitspolitischer Berater der Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder. In der öffentlichen Anhörung des Bundestages sagt der inzwischen pensionierte Diplomat über die deutsche Beteiligung an der Militär-Operation: “Wir sind vor 20 Jahren nicht wegen Afghanistan dorthin gegangen, sondern wegen der USA.”

Auslöser: Terror-Anschläge vom 11. September 2001 

Zugleich erinnert Steiner an die Resolution 1368 der Vereinten Nationen (UN), in der von einer Bedrohung des Weltfriedens die Rede gewesen sei. Und das Nordatlantische Verteidigungsbündnis (NATO) habe den Bündnis-Fall nach Artikel 5 ausgerufen. Allen sei klar gewesen: “Das ist eine globale Zeitenwende.” Die Erwartungshaltung der USA gegenüber ihren Verbündeten sei gewesen, “entweder mit uns oder gegen uns”. Ihm sei das “eine Drehung zu weit” gewesen, betont der 72-Jährige rückblickend.   

Die Amerikaner hätten den global war on terror erklärt. “Was soll das überhaupt sein?”, fragt sich der deutsche Ex-Diplomat auch heute noch. Als Steiner zehn Tage nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 im Auftrag von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer in die USA reist, erlebt er das Land “sehr selbstfokussiert, auch gespenstisch”. Die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung sei “revenge” gewesen – Rache.

Aber es habe für Deutschland keine Alternative gegeben, als mit nach Afghanistan zu gehen, erinnert sich Steiner an die politische Gemengelage vor 20 Jahren. Als Grundfehler bezeichnet er die “Illusion – und ich würde sogar sagen: selbstgerechte Hybris – man könne von außen auch mit noch so vielen Dollars und hochgerüsteten Soldaten in Afghanistan in kurzer Zeit den Grundstein für eine demokratische Gesellschaft nach unseren westlichen Vorstellungen legen”. 

Negative Erfahrungen machte zu Beginn der Militär-Mission auch Carl-Hubertus von Butler. Der Brigadegeneral leitete in Afghanistans Hauptstadt Kabul bis Juni 2002 ein militärisches Vorauskommando im Rahmen des ISAF-Mandats (International Security Assistance Force). Eine gezielte Vorbereitung der Bundeswehr sei nicht möglich gewesen, sagt er in der Anhörung der Enquête-Kommission. Mit anderen Ressorts habe es keine Zusammenarbeit gegeben, nur eine “Kurzeinweisung” durch das Auswärtige Amt.

So machte sich die Truppe unter von Butlers Befehl am 6. Januar 2002 auf den Weg nach Afghanistan. Plötzlich habe es “nicht schnell genug” gehen können, erinnert sich der pensionierte Berufssoldat an die Vorgaben der Politik. Briten und Franzosen seien schon vor Ort gewesen. Seine Soldaten hätten das deutsche Vorgehen als “unprofessionell” empfunden. Als Prozess, der “auf ihren Schultern” ausgetragen worden sei. 

In Kabul habe nach der Vertreibung der Taliban “gespenstische Ruhe” geherrscht. Der ehemalige Generalleutnant spricht von einem anfangs “undurchsichtigen Schleier”. Man habe viele Fragen gehabt, auch gegenüber den Menschen in Afghanistan: “Welche Gefahren gehen noch von ihnen aus? Wem kann man trauen? Wie wird sich die Bevölkerung verhalten?”

Aber Schritt für Schritt habe sich der Nebel dann gelichtet, beschreibt von Butler die weitere Entwicklung in Kabul: “Die Stadt pulsierte, die Menschen traten uns weitgehend freundlich und dankbar gegenüber.” Es habe Aufbruchstimmung geherrscht. Die Taliban schienen aus der Stadt verschwunden zu sein. Und dennoch vermisst der deutsche Brigadegeneral von Anfang an einen aus seiner Sicht ganz wichtigen Punkt: vernetzte Sicherheit. Darunter versteht von Butler neben militärischer und ziviler Sicherheit gute Regierungsführung und wirtschaftliche Entwicklung.

Aber das habe leider nicht stattgefunden, “noch nicht einmal im Ansatz”. Sein Eindruck: “Eine enge Verbindung zu unseren Soldaten war gar nicht gewollt.” Folge sei ein “unkoordiniertes Nebeneinander” gewesen, bedauert der 71-Jährige. Damit sei gleich zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes eine Chance vertan worden. Von Butler verbindet diese Erfahrung mit einer Warnung an die Politik: “Wenn wir das nicht hinkriegen, sehe ich den nächsten Einsatz genauso scheitern wie diesen.”

Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter hat einen ähnlichen Blick auf die gescheiterte Afghanistan-Mission. Der 2001 in Kabul und anschließend in weiten Teilen des Landes einmarschierenden internationalen Allianz wirft er “mangelnde historische Kontextualisierung” vor. Mit anderen Worten: fehlende Kenntnisse und Berücksichtigung religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Verhältnisse. Deutschland habe gemeint, aus einer neutralen Position zu agieren. Aber das war, so Schetter, eine “gravierende Fehleinschätzung”.

Neujahrspredigt in Dresdner Frauenkirche - Käßmann
Deutschland/Afghanistan Carl Hubertus Von Butler, Carl Hubertus Von Butler, Kommandeur der deutschen Mitglieder der Internationalen Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) in Afghanistan
Afghanistan | Bundeswehr Soldaten

“Nichts ist gut in Afghanistan” – für diese Behauptung erntet die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, 2010 mehr Kritik als Zuspruch. Zwölf Jahre später: In einer Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, die den Einsatz aufarbeiten will, blicken drei Experten aus sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die 2001 gestartete und 2021 erfolglos beendete Militärmission zurück. Ihr gemeinsames Fazit lässt sich so zusammenfassen: Wenig war gut in Afghanistan.

So sagt das zwar niemand, aber vieles klingt danach. Und dabei spielt es keine Rolle, wer gerade über die nach 20 Jahren komplett gescheiterte internationale Mission spricht. Geladen sind der ehemalige Diplomat Michael Steiner, der pensionierte Generalleutnant Carl-Hubertus von Butler sowie der Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter.  

Auslöser: Terror-Anschläge vom 11. September 2001 

Auslöser des Militär-Einsatzes in Afghanistan waren die islamistischen Anschläge der Terrorgruppe Al Kaida vom 11. September 2001 in New York und Washington, bei denen weit über 3000 Menschen getötet wurden. Michael Steiner ist zu dieser Zeit außen- und sicherheitspolitischer Berater der Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder. In der öffentlichen Anhörung des Bundestages sagt der inzwischen pensionierte Diplomat über die deutsche Beteiligung an der Militär-Operation: “Wir sind vor 20 Jahren nicht wegen Afghanistan dorthin gegangen, sondern wegen der USA.”

Zugleich erinnert Steiner an die Resolution 1368 der Vereinten Nationen (UN), in der von einer Bedrohung des Weltfriedens die Rede gewesen sei. Und das Nordatlantische Verteidigungsbündnis (NATO) habe den Bündnis-Fall nach Artikel 5 ausgerufen. Allen sei klar gewesen: “Das ist eine globale Zeitenwende.” Die Erwartungshaltung der USA gegenüber ihren Verbündeten sei gewesen, “entweder mit uns oder gegen uns”. Ihm sei das “eine Drehung zu weit” gewesen, betont der 72-Jährige rückblickend.   

Die Amerikaner hätten den global war on terror erklärt. “Was soll das überhaupt sein?”, fragt sich der deutsche Ex-Diplomat auch heute noch. Als Steiner zehn Tage nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 im Auftrag von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer in die USA reist, erlebt er das Land “sehr selbstfokussiert, auch gespenstisch”. Die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung sei “revenge” gewesen – Rache.

Aber es habe für Deutschland keine Alternative gegeben, als mit nach Afghanistan zu gehen, erinnert sich Steiner an die politische Gemengelage vor 20 Jahren. Als Grundfehler bezeichnet er die “Illusion – und ich würde sogar sagen: selbstgerechte Hybris – man könne von außen auch mit noch so vielen Dollars und hochgerüsteten Soldaten in Afghanistan in kurzer Zeit den Grundstein für eine demokratische Gesellschaft nach unseren westlichen Vorstellungen legen”. 

“Das ist eine globale Zeitenwende”

Negative Erfahrungen machte zu Beginn der Militär-Mission auch Carl-Hubertus von Butler. Der Brigadegeneral leitete in Afghanistans Hauptstadt Kabul bis Juni 2002 ein militärisches Vorauskommando im Rahmen des ISAF-Mandats (International Security Assistance Force). Eine gezielte Vorbereitung der Bundeswehr sei nicht möglich gewesen, sagt er in der Anhörung der Enquête-Kommission. Mit anderen Ressorts habe es keine Zusammenarbeit gegeben, nur eine “Kurzeinweisung” durch das Auswärtige Amt.

Vorwurf an die Allianz: “selbstgerechte Hybris”

So machte sich die Truppe unter von Butlers Befehl am 6. Januar 2002 auf den Weg nach Afghanistan. Plötzlich habe es “nicht schnell genug” gehen können, erinnert sich der pensionierte Berufssoldat an die Vorgaben der Politik. Briten und Franzosen seien schon vor Ort gewesen. Seine Soldaten hätten das deutsche Vorgehen als “unprofessionell” empfunden. Als Prozess, der “auf ihren Schultern” ausgetragen worden sei. 

In Kabul habe nach der Vertreibung der Taliban “gespenstische Ruhe” geherrscht. Der ehemalige Generalleutnant spricht von einem anfangs “undurchsichtigen Schleier”. Man habe viele Fragen gehabt, auch gegenüber den Menschen in Afghanistan: “Welche Gefahren gehen noch von ihnen aus? Wem kann man trauen? Wie wird sich die Bevölkerung verhalten?”

Aber Schritt für Schritt habe sich der Nebel dann gelichtet, beschreibt von Butler die weitere Entwicklung in Kabul: “Die Stadt pulsierte, die Menschen traten uns weitgehend freundlich und dankbar gegenüber.” Es habe Aufbruchstimmung geherrscht. Die Taliban schienen aus der Stadt verschwunden zu sein. Und dennoch vermisst der deutsche Brigadegeneral von Anfang an einen aus seiner Sicht ganz wichtigen Punkt: vernetzte Sicherheit. Darunter versteht von Butler neben militärischer und ziviler Sicherheit gute Regierungsführung und wirtschaftliche Entwicklung.

Bundeswehr empfindet Politik als “unprofessionell”

Aber das habe leider nicht stattgefunden, “noch nicht einmal im Ansatz”. Sein Eindruck: “Eine enge Verbindung zu unseren Soldaten war gar nicht gewollt.” Folge sei ein “unkoordiniertes Nebeneinander” gewesen, bedauert der 71-Jährige. Damit sei gleich zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes eine Chance vertan worden. Von Butler verbindet diese Erfahrung mit einer Warnung an die Politik: “Wenn wir das nicht hinkriegen, sehe ich den nächsten Einsatz genauso scheitern wie diesen.”

Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter hat einen ähnlichen Blick auf die gescheiterte Afghanistan-Mission. Der 2001 in Kabul und anschließend in weiten Teilen des Landes einmarschierenden internationalen Allianz wirft er “mangelnde historische Kontextualisierung” vor. Mit anderen Worten: fehlende Kenntnisse und Berücksichtigung religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Verhältnisse. Deutschland habe gemeint, aus einer neutralen Position zu agieren. Aber das war, so Schetter, eine “gravierende Fehleinschätzung”.

Fehlende vernetzte Sicherheit

“Gravierende Fehleinschätzung” schon zu Beginn

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