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Argentinien: Das Geschäft mit den schwangeren Russinnen

Die argentinische Staatsanwaltschaft geht gegen ein Netzwerk vor, das schwangere Russinnen ins Land lockt. Der Vorwurf: illegaler Geburtstourismus.

Für den wichtigsten Moment im Leben ist das Beste gerade gut genug. Warum also nicht das Baby in Südamerika auf die Welt bringen, ganz ohne Stress, bestens vorbereitet und vollkommen relaxed? Für lächerlich anmutende 3500 Dollar für das Standard-Paket, 7500 Dollar für das 24/7-Sorglos-Modell “Weg zur großen Welt” oder auch 15.000 Dollar für die Luxus-Version mit Chauffeur, Babysitter und Spanischkurs?

Für die schwangeren Russinnen, die auf die Seite “ArgentinaFamily” stoßen, ist dieser Traum in greifbarer Nähe. Und als ob das alles noch nicht fantastisch genug wäre, erfährt man schon beim ersten Blick auf die Homepage direkt den zusätzlichen Hauptgewinn: “Bekommen Sie den zweiten Pass, der am schnellsten in der Welt erteilt wird und der ganzen Familie visafreie Einreise in mehr als 170 Länder ermöglicht.”

Für den wichtigsten Moment im Leben ist das Beste gerade gut genug. Warum also nicht das Baby in Südamerika auf die Welt bringen, ganz ohne Stress, bestens vorbereitet und vollkommen relaxed? Für lächerlich anmutende 3500 Dollar für das Standard-Paket, 7500 Dollar für das 24/7-Sorglos-Modell “Weg zur großen Welt” oder auch 15.000 Dollar für die Luxus-Version mit Chauffeur, Babysitter und Spanischkurs?

Die 26-jährige Russin Elena Kuklina mit Wohnort Buenos Aires steckt hinter “ArgentinaFamily” und hat gerade ziemlichen Ärger mit der argentinischen Justiz. Vor einer Woche stellten Ermittler ihre Luxus-Mietwohnung im schicken Stadtteil Puerto Madero direkt am Hafen von Buenos Aires auf den Kopf und stellten 66.920 Dollar in bar, Laptops und Mobiltelefone sicher, schon seit Dezember war die Polizei hinter ihr her. Kuklina soll sich zum einen öffentliche Gelder erschlichen, vor allem aber bei der Einreise von mehr als 70 schwangeren Russinnen Dokumente gefälscht haben. So soll ihre Agentur falsche Wohnorte angegeben haben, um Einbürgerungen schneller über die Bühne zu bekommen. Untersucht wird außerdem der Verkauf von Geburtsurkunden und Personalausweisen an russische Staatsangehörige. “Das ist ein Millionen-Geschäft”, sagt Florencia Carignano.

Heiß begehrter argentinischer Pass

Carignano ist seit mehr als drei Jahren Chefin der argentinischen Einwanderungsbehörde und alles andere als entspannt, wenn man sie auf die Machenschaften von Netzwerken wie “ArgentinaFamily” anspricht. Rund 10.500 Schwangere kamen im vergangenen Jahr aus Russland nach Argentinien, für dieses Jahr wird die doppelte Zahl prognostiziert.

Was an und für sich kein Problem wäre, nur: “Alle, die in unserem Land bleiben möchten, sind herzlich willkommen. Das Problem ist, das viele Russinnen nicht hier bleiben, sondern sich nur den Reisepass nehmen und in andere Länder reisen. Und wir dann drei russische Spione in Slowenien mit einem argentinischen Pass entdecken. Das ist unsere Angst.”

Der argentinische Pass ist in Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine tatsächlich so etwas wie der Jackpot für viele Russinnen und Russen. Kinder, die in Argentinien geboren werden, erhalten automatisch die argentinische Staatsbürgerschaft. Mutter und Vater können danach recht einfach die Staatsangehörigkeit beantragen, mit dem “Pasaporte” ist die visumsfreie Einreise in 171 Länder möglich. Was auch schon die US-Regierung auf den Plan gerufen haben soll: Denn wer einen argentinischen Pass besitzt, kann eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Jahre in den USA beantragen.

Vor zehn Tagen verweigerten die argentinischen Behörden sechs schwangeren Russinnen zunächst die Einreise. Florencia Carignano erinnert sich: “Die Frauen, die in der 33. Schwangerschaftswoche hier am Flughafen angekommen sind, waren alle allein, hatten kein Geld und keinen Rückflug gebucht.” Die Beamten hätten ihnen daraufhin einige Fragen gestellt. “Aber sie konnten uns noch nicht mal sagen, wo sie jetzt in Buenos Aires hinfahren wollten oder welches Hotel sie gebucht hatten, die Adressen waren nicht präzise oder existierten gar nicht. Und da war uns klar, dass es sich um ‘falsche Touristen’ handelt, dass sie also nicht wegen Tourismus hier waren.”

Zwar ist es einreisenden Frauen nicht untersagt, in Argentinien zu entbinden, nur ist dafür ein spezielles Visum notwendig. Die Leiterin der argentinischen Einwanderungsbehörde erzählt, dass sie seit dem Beginn derrussischen Invasion in der Ukraine vor einem Jahr ein klares Profil der Menschen hätten, die nach Argentinien einwandern: Frauen aus Russland, viele von ihnen schwanger, oft allein, und mit den ausreichenden finanziellen Mitteln, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Mit Flügen von Turkish oder Ethiopian Airlines, Emirates oder KLM. Und einem gebuchten “Paket” bei einer Agentur, welches die argentinische Staatsbürgerschaft in Rekordzeit garantiert.

Federico Delgado ist der Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen die kriminellen Geburtstourismus-Banden leitet, zu dem laufenden Verfahren kann er der DW nichts sagen. Delgado stellt aber klar: “Die juristischen Ermittlungen von uns haben zunächst mal nichts mit der künftigen Einreise von schwangeren Russinnen zu tun, solange diese die Anforderungen der Behörden bezüglich der Einreise erfüllen. Argentinien hat, wie auch mit vielen anderen Ländern, mit Russland ein Abkommen, dass die Einreise für einige Monate regelt.”

Für den Staatsanwalt ist es nicht nur die Aussicht auf den Pass, der viele schwangere russische Frauen nach Argentinien lockt. Das südamerikanische Land begreife sich zudem als Land der “ausgebreiteten Arme”, als klassisches Einwanderungsland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt, mit einer langen Historie der Immigration zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber sei die medizinische Versorgung hervorragend.

“Sowohl das staatliche als auch das private Gesundheitssystem in Argentinien sind sehr gut, sie brauchen den Vergleich mit dem südlichen Europa nicht zu scheuen. Dies und die Tatsache, dass Argentinien sehr günstig für diejenigen ist, die hier mit Dollar bezahlen können, erklärt, warum so viele Frauen vom anderen Ende der Welt hier entbinden wollen.”

In der Millionenmetropole Buenos Aires haben sich gleich acht Krankenhäuser zu Anlaufstellen für die schwangeren Russinnen entwickelt. Das staatliche und kostenlose Hospital Fernández zum Beispiel, in dem die Termine für die neuen Patientinnen in den letzten drei Monaten um 50 Prozent in die Höhe geschossen sind. Oder auch das private Krankenhaus Sanatorio Finochietto, wo im Dezember fast jedes dritte Baby mit russischen Eltern auf die Welt kam. Florencia Carignano freut sich für die Mütter, sagt aber auch: “Wir können unser Land nicht in eine Entbindungsklinik für die ganze Welt umfunktionieren.”

Screenshot der Webseite ArgentinaFamily
Argentinien Florencia Carignano Chefin der argentinischen Einwanderungsbehörde
Argentinischer Pass

Für den wichtigsten Moment im Leben ist das Beste gerade gut genug. Warum also nicht das Baby in Südamerika auf die Welt bringen, ganz ohne Stress, bestens vorbereitet und vollkommen relaxed? Für lächerlich anmutende 3500 Dollar für das Standard-Paket, 7500 Dollar für das 24/7-Sorglos-Modell “Weg zur großen Welt” oder auch 15.000 Dollar für die Luxus-Version mit Chauffeur, Babysitter und Spanischkurs?

Für die schwangeren Russinnen, die auf die Seite “ArgentinaFamily” stoßen, ist dieser Traum in greifbarer Nähe. Und als ob das alles noch nicht fantastisch genug wäre, erfährt man schon beim ersten Blick auf die Homepage direkt den zusätzlichen Hauptgewinn: “Bekommen Sie den zweiten Pass, der am schnellsten in der Welt erteilt wird und der ganzen Familie visafreie Einreise in mehr als 170 Länder ermöglicht.”

Heiß begehrter argentinischer Pass

Die 26-jährige Russin Elena Kuklina mit Wohnort Buenos Aires steckt hinter “ArgentinaFamily” und hat gerade ziemlichen Ärger mit der argentinischen Justiz. Vor einer Woche stellten Ermittler ihre Luxus-Mietwohnung im schicken Stadtteil Puerto Madero direkt am Hafen von Buenos Aires auf den Kopf und stellten 66.920 Dollar in bar, Laptops und Mobiltelefone sicher, schon seit Dezember war die Polizei hinter ihr her. Kuklina soll sich zum einen öffentliche Gelder erschlichen, vor allem aber bei der Einreise von mehr als 70 schwangeren Russinnen Dokumente gefälscht haben. So soll ihre Agentur falsche Wohnorte angegeben haben, um Einbürgerungen schneller über die Bühne zu bekommen. Untersucht wird außerdem der Verkauf von Geburtsurkunden und Personalausweisen an russische Staatsangehörige. “Das ist ein Millionen-Geschäft”, sagt Florencia Carignano.

Carignano ist seit mehr als drei Jahren Chefin der argentinischen Einwanderungsbehörde und alles andere als entspannt, wenn man sie auf die Machenschaften von Netzwerken wie “ArgentinaFamily” anspricht. Rund 10.500 Schwangere kamen im vergangenen Jahr aus Russland nach Argentinien, für dieses Jahr wird die doppelte Zahl prognostiziert.

Was an und für sich kein Problem wäre, nur: “Alle, die in unserem Land bleiben möchten, sind herzlich willkommen. Das Problem ist, das viele Russinnen nicht hier bleiben, sondern sich nur den Reisepass nehmen und in andere Länder reisen. Und wir dann drei russische Spione in Slowenien mit einem argentinischen Pass entdecken. Das ist unsere Angst.”

Der argentinische Pass ist in Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine tatsächlich so etwas wie der Jackpot für viele Russinnen und Russen. Kinder, die in Argentinien geboren werden, erhalten automatisch die argentinische Staatsbürgerschaft. Mutter und Vater können danach recht einfach die Staatsangehörigkeit beantragen, mit dem “Pasaporte” ist die visumsfreie Einreise in 171 Länder möglich. Was auch schon die US-Regierung auf den Plan gerufen haben soll: Denn wer einen argentinischen Pass besitzt, kann eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Jahre in den USA beantragen.

“Falsche Touristen” an der Einreise gehindert

Vor zehn Tagen verweigerten die argentinischen Behörden sechs schwangeren Russinnen zunächst die Einreise. Florencia Carignano erinnert sich: “Die Frauen, die in der 33. Schwangerschaftswoche hier am Flughafen angekommen sind, waren alle allein, hatten kein Geld und keinen Rückflug gebucht.” Die Beamten hätten ihnen daraufhin einige Fragen gestellt. “Aber sie konnten uns noch nicht mal sagen, wo sie jetzt in Buenos Aires hinfahren wollten oder welches Hotel sie gebucht hatten, die Adressen waren nicht präzise oder existierten gar nicht. Und da war uns klar, dass es sich um ‘falsche Touristen’ handelt, dass sie also nicht wegen Tourismus hier waren.”

Staatsanwaltschaft ermittelt

Zwar ist es einreisenden Frauen nicht untersagt, in Argentinien zu entbinden, nur ist dafür ein spezielles Visum notwendig. Die Leiterin der argentinischen Einwanderungsbehörde erzählt, dass sie seit dem Beginn derrussischen Invasion in der Ukraine vor einem Jahr ein klares Profil der Menschen hätten, die nach Argentinien einwandern: Frauen aus Russland, viele von ihnen schwanger, oft allein, und mit den ausreichenden finanziellen Mitteln, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Mit Flügen von Turkish oder Ethiopian Airlines, Emirates oder KLM. Und einem gebuchten “Paket” bei einer Agentur, welches die argentinische Staatsbürgerschaft in Rekordzeit garantiert.

Federico Delgado ist der Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen die kriminellen Geburtstourismus-Banden leitet, zu dem laufenden Verfahren kann er der DW nichts sagen. Delgado stellt aber klar: “Die juristischen Ermittlungen von uns haben zunächst mal nichts mit der künftigen Einreise von schwangeren Russinnen zu tun, solange diese die Anforderungen der Behörden bezüglich der Einreise erfüllen. Argentinien hat, wie auch mit vielen anderen Ländern, mit Russland ein Abkommen, dass die Einreise für einige Monate regelt.”

Für den Staatsanwalt ist es nicht nur die Aussicht auf den Pass, der viele schwangere russische Frauen nach Argentinien lockt. Das südamerikanische Land begreife sich zudem als Land der “ausgebreiteten Arme”, als klassisches Einwanderungsland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt, mit einer langen Historie der Immigration zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber sei die medizinische Versorgung hervorragend.

“Sowohl das staatliche als auch das private Gesundheitssystem in Argentinien sind sehr gut, sie brauchen den Vergleich mit dem südlichen Europa nicht zu scheuen. Dies und die Tatsache, dass Argentinien sehr günstig für diejenigen ist, die hier mit Dollar bezahlen können, erklärt, warum so viele Frauen vom anderen Ende der Welt hier entbinden wollen.”

In der Millionenmetropole Buenos Aires haben sich gleich acht Krankenhäuser zu Anlaufstellen für die schwangeren Russinnen entwickelt. Das staatliche und kostenlose Hospital Fernández zum Beispiel, in dem die Termine für die neuen Patientinnen in den letzten drei Monaten um 50 Prozent in die Höhe geschossen sind. Oder auch das private Krankenhaus Sanatorio Finochietto, wo im Dezember fast jedes dritte Baby mit russischen Eltern auf die Welt kam. Florencia Carignano freut sich für die Mütter, sagt aber auch: “Wir können unser Land nicht in eine Entbindungsklinik für die ganze Welt umfunktionieren.”

Staatsanwalt Fedrico Delgado, Porträt

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