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Nigeria: Wahlkampf ohne Klimawandel

Nigeria ist besonders vom Klimawandel betroffen: Wüstenbildung und ein schrumpfender Tschadsee im Norden, Überschwemmungen im Zentrum und Küstenerosion im Süden. Im Wahlkampf wird dem jedoch keine Bedeutung beigemessen.

Afrikas einwohnerstärkstes Land steht mitten im Wahlkampf. In den finalen Wochen geht es heiß her. Die Spitzenkandidaten – 17 Männer und eine Frau bewerben sich auf die Präsidentschaft – sprechen zahlreiche Lebensbereiche an, die sich dringend verbessern müssen: Arbeitsplätzen müssen geschaffen, die Korruption bekämpft und die Sicherheitslage verbessert werden.

Aktuell sind laut Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR rund 3,1 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht, häufig vor Angriffen durch Terrorgruppen und bewaffneten Banden. Auch Sarah Alabi, die eine Anhängerin von Kandidat Peter Obi ist, hat klare Vorstellungen: “Ich möchte, dass Nigeria ein friedliches Land ist. Das ist meine größte Vision.”

Afrikas einwohnerstärkstes Land steht mitten im Wahlkampf. In den finalen Wochen geht es heiß her. Die Spitzenkandidaten – 17 Männer und eine Frau bewerben sich auf die Präsidentschaft – sprechen zahlreiche Lebensbereiche an, die sich dringend verbessern müssen: Arbeitsplätzen müssen geschaffen, die Korruption bekämpft und die Sicherheitslage verbessert werden.

Spätestens seit dem vergangenen Jahr, als bei Überschwemmungen im September und Oktober mehr als 600 Menschen starben und Hunderttausende vertrieben wurden, ist eine weitere Herausforderung deutlich geworden, die das ganze Land betrifft: der Klimawandel. Entweder fällt zu viel oder zu wenig Regen. Während sich die Fläche des Tschadsees weiter verkleinert und Fischer arbeitslos werden lässt, frisst sich der Atlantik im Süden ins Land und hat mancherorts in Lagos längst ganze Straßenzüge verschluckt. Für Wählerin Sarah Alabi ist das aber kein Thema. Klimawandel definiert sie anders. Die generelle Stimmung in Nigeria würde sich verbessern, falls Peter Obi gewinne. “Dann werden sich die Dinge finden.”

Steigende Meeresspiegel und sinkender Tschadsee

Auch bei Wahlkampfauftritten wird über die gravierenden Folgen nicht gesprochen. Obi beispielsweise setzt auf fossile Energieträger und verspricht mehr eigene Investitionen in diese. “Niemand wird mehr unser Öl stehlen. Der Gas-Sektor muss so ausgebaut werden, dass er mehr Geld einbringt als das Öl.” Nigeria gehört zusammen mit Angola und Algerien zu den größten Ölexporteuren Afrikas. Die durchschnittliche Rohölförderung lag zuletzt bei rund 1,2 Millionen Barrel pro Tag. In manchen Jahren machten die Öleinnahmen mehr als die Hälfte des Staatshaushalts aus.

Die Folgen sind im Nigerdelta im Südosten seit Jahrzehnten sichtbar: Ölschlieren ziehen sich über das Wasser. An manchen Orten ist das Ufer pechschwarz. Weder Fischer noch Farmer können hier arbeiten. Nnimmo Bassey, Träger des Alternativen Nobelpreises, kritisiert die Ölförderung, die 1958 begann. “Das Abfackeln von Gas setzt Millionen Tonnen von Kohlenstoff frei. Die Biodiversität leidet und Dorfgemeinschaften werden vertrieben. Auch haben wir Probleme mit Entwaldung und Küstenerosionen.”

Wie die Kandidierenden sich zum Klimawandel positionieren, das wollten Anfang Februar verschiedene Umweltschutzorganisationen erfahren. Von den 18 Präsidentschaftskandidaten nahmen schließlich vier Bewerber um das höchste Staatsamt an einer Podiumsdiskussion in der Hauptstadt Abuja teil. Obwohl es ein gewisses Verständnis für die Problematik gegeben habe, wie er sagt, ist Basseys Fazit ernüchternd: “Die Lage der Umwelt ist zum großen Problem geworden. Aber leider scheint die Politik das nicht zu verstehen. Oder sie geht davon aus, ohnehin nichts ändern zu können.”

In Gwagwalada, 50 Kilometer von Abuja entfernt, richtet Klimaaktivistin Adenike Oladosu gerade ihr ihr erstes eigenes Büro ein. Die Gründerin der “I Lead Climate Action Initiative” teilt Basseys Einschätzung, dass Umweltschutz und Klimawandel im Wahlkampf kein Thema sind. Um Druck auf die Politik zu machen, sei allerdings auch viel Aufklärungsarbeit notwendig. “Vor zwei Jahren wurde eine Brücke auf der Straße zwischen Lokoja und Kaduna durch Überschwemmungen zerstört. Doch die Menschen sprachen nicht über die Umwelt, sondern über die spirituelle Dimension und die Opferzahlen.” Oladosu ruft deshalb dazu auf, mehr über Klimawandel zu sprechen und Menschen besser zu informieren.

Neben ihrer Arbeit in Dörfern rund um die Hauptstadt fordert Oladosu mehr Aufmerksamkeit für die Krise rund um den Tschadsee. Dessen Wasseroberfläche schrumpft seit Jahrzehnten. Wie im Nigerdelta verlieren Fischer und Farmer ihre Lebensgrundlagen. Zunehmend thematisiert wird, dass Terrorgruppen wie der Islamische Staat in der Provinz Westafrika (ISWAP) davon profitieren und junge Männer ohne Perspektiven anwerben. Das zeigt beispielsweise eine Untersuchung des Projekts “Managing Exits from Armed Conflict”, eine Zusammenarbeit verschiedener Forschungseinrichtungen der Vereinten Nationen.

Gerade über den Tschadsee müsse mehr gesprochen werden und es brauche mehr finanzielle Mittel, fordert die Aktivistin. Jährliche Konferenzen wie Ende Januar würden nicht ausreichen: “Der See verbindet die Länder Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. Wenn wir nur ein Lippenbekenntnis dazu ablegen, wird das so weitergehen. Laut einem UN-Bericht wird sich die Lage sogar noch verschlimmern.” Weil sie das jedoch nicht von ihren Politikern hört, ist sie selbst aktiv geworden. Gerade jetzt im Wahlkampf schreibt sie darüber und dreht Videos. “Wir brauchen eine politische Führung, die darüber ein Bewusstsein entwickelt.” Adenike Oladosu sieht Nigeria am Scheideweg. Die Wahl am 25. Februar ist für sie das Datum, an dem entschieden wird, ob die Klimaschutzmaßnahmen vorangetrieben werden oder sich die Situation weiter verschlechtert.

Peter Obi im Wahlkampf
Klima-Aktivistin Adenika Olasudu
Strand bei Lagos

Afrikas einwohnerstärkstes Land steht mitten im Wahlkampf. In den finalen Wochen geht es heiß her. Die Spitzenkandidaten – 17 Männer und eine Frau bewerben sich auf die Präsidentschaft – sprechen zahlreiche Lebensbereiche an, die sich dringend verbessern müssen: Arbeitsplätzen müssen geschaffen, die Korruption bekämpft und die Sicherheitslage verbessert werden.

Aktuell sind laut Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR rund 3,1 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht, häufig vor Angriffen durch Terrorgruppen und bewaffneten Banden. Auch Sarah Alabi, die eine Anhängerin von Kandidat Peter Obi ist, hat klare Vorstellungen: “Ich möchte, dass Nigeria ein friedliches Land ist. Das ist meine größte Vision.”

Steigende Meeresspiegel und sinkender Tschadsee

Spätestens seit dem vergangenen Jahr, als bei Überschwemmungen im September und Oktober mehr als 600 Menschen starben und Hunderttausende vertrieben wurden, ist eine weitere Herausforderung deutlich geworden, die das ganze Land betrifft: der Klimawandel. Entweder fällt zu viel oder zu wenig Regen. Während sich die Fläche des Tschadsees weiter verkleinert und Fischer arbeitslos werden lässt, frisst sich der Atlantik im Süden ins Land und hat mancherorts in Lagos längst ganze Straßenzüge verschluckt. Für Wählerin Sarah Alabi ist das aber kein Thema. Klimawandel definiert sie anders. Die generelle Stimmung in Nigeria würde sich verbessern, falls Peter Obi gewinne. “Dann werden sich die Dinge finden.”

Auch bei Wahlkampfauftritten wird über die gravierenden Folgen nicht gesprochen. Obi beispielsweise setzt auf fossile Energieträger und verspricht mehr eigene Investitionen in diese. “Niemand wird mehr unser Öl stehlen. Der Gas-Sektor muss so ausgebaut werden, dass er mehr Geld einbringt als das Öl.” Nigeria gehört zusammen mit Angola und Algerien zu den größten Ölexporteuren Afrikas. Die durchschnittliche Rohölförderung lag zuletzt bei rund 1,2 Millionen Barrel pro Tag. In manchen Jahren machten die Öleinnahmen mehr als die Hälfte des Staatshaushalts aus.

Die Folgen sind im Nigerdelta im Südosten seit Jahrzehnten sichtbar: Ölschlieren ziehen sich über das Wasser. An manchen Orten ist das Ufer pechschwarz. Weder Fischer noch Farmer können hier arbeiten. Nnimmo Bassey, Träger des Alternativen Nobelpreises, kritisiert die Ölförderung, die 1958 begann. “Das Abfackeln von Gas setzt Millionen Tonnen von Kohlenstoff frei. Die Biodiversität leidet und Dorfgemeinschaften werden vertrieben. Auch haben wir Probleme mit Entwaldung und Küstenerosionen.”

Wie die Kandidierenden sich zum Klimawandel positionieren, das wollten Anfang Februar verschiedene Umweltschutzorganisationen erfahren. Von den 18 Präsidentschaftskandidaten nahmen schließlich vier Bewerber um das höchste Staatsamt an einer Podiumsdiskussion in der Hauptstadt Abuja teil. Obwohl es ein gewisses Verständnis für die Problematik gegeben habe, wie er sagt, ist Basseys Fazit ernüchternd: “Die Lage der Umwelt ist zum großen Problem geworden. Aber leider scheint die Politik das nicht zu verstehen. Oder sie geht davon aus, ohnehin nichts ändern zu können.”

“Es lässt sich ohnehin nicht ändern”

In Gwagwalada, 50 Kilometer von Abuja entfernt, richtet Klimaaktivistin Adenike Oladosu gerade ihr ihr erstes eigenes Büro ein. Die Gründerin der “I Lead Climate Action Initiative” teilt Basseys Einschätzung, dass Umweltschutz und Klimawandel im Wahlkampf kein Thema sind. Um Druck auf die Politik zu machen, sei allerdings auch viel Aufklärungsarbeit notwendig. “Vor zwei Jahren wurde eine Brücke auf der Straße zwischen Lokoja und Kaduna durch Überschwemmungen zerstört. Doch die Menschen sprachen nicht über die Umwelt, sondern über die spirituelle Dimension und die Opferzahlen.” Oladosu ruft deshalb dazu auf, mehr über Klimawandel zu sprechen und Menschen besser zu informieren.

Klimawandel braucht mehr Aufmerksamkeit

Neben ihrer Arbeit in Dörfern rund um die Hauptstadt fordert Oladosu mehr Aufmerksamkeit für die Krise rund um den Tschadsee. Dessen Wasseroberfläche schrumpft seit Jahrzehnten. Wie im Nigerdelta verlieren Fischer und Farmer ihre Lebensgrundlagen. Zunehmend thematisiert wird, dass Terrorgruppen wie der Islamische Staat in der Provinz Westafrika (ISWAP) davon profitieren und junge Männer ohne Perspektiven anwerben. Das zeigt beispielsweise eine Untersuchung des Projekts “Managing Exits from Armed Conflict”, eine Zusammenarbeit verschiedener Forschungseinrichtungen der Vereinten Nationen.

Gerade über den Tschadsee müsse mehr gesprochen werden und es brauche mehr finanzielle Mittel, fordert die Aktivistin. Jährliche Konferenzen wie Ende Januar würden nicht ausreichen: “Der See verbindet die Länder Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. Wenn wir nur ein Lippenbekenntnis dazu ablegen, wird das so weitergehen. Laut einem UN-Bericht wird sich die Lage sogar noch verschlimmern.” Weil sie das jedoch nicht von ihren Politikern hört, ist sie selbst aktiv geworden. Gerade jetzt im Wahlkampf schreibt sie darüber und dreht Videos. “Wir brauchen eine politische Führung, die darüber ein Bewusstsein entwickelt.” Adenike Oladosu sieht Nigeria am Scheideweg. Die Wahl am 25. Februar ist für sie das Datum, an dem entschieden wird, ob die Klimaschutzmaßnahmen vorangetrieben werden oder sich die Situation weiter verschlechtert.

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