Deutschland

Erste ukrainische Flüchtlinge in Köln angekommen

43 Frauen und Kinder stiegen übermüdet, aber glücklich aus dem Bus von der polnisch-ukrainischen Grenze. Bei ihrer Ankunft mischen sich Freude und Erleichterung mit riesiger Wut auf Putin und die russische Invasion.

Schokolade, Müsliriegel und Zahnbürsten – als die ukrainischen Flüchtlinge vollkommen erschöpft aus ihrem Bus herausklettern, heißt sie die neue Heimat mit einem Begrüßungspaket willkommen. Fast 20 Stunden Fahrt liegen hinter den Frauen und Kindern und die tagelange Ungewissheit, ob ihre Flucht nach Deutschland wirklich klappt.

Immer wieder hatte sich die Abfahrt an der polnisch-ukrainischen Grenze verzögert, es gab Probleme bei der Registrierung, am Ende brachen sogar die Computersysteme an der Grenze zusammen. Jetzt herrscht bei Flüchtlingen und Unterstützern vor dem Wohnheim der Stadt im Kölner Norden einfach nur die pure Erleichterung.

Schokolade, Müsliriegel und Zahnbürsten – als die ukrainischen Flüchtlinge vollkommen erschöpft aus ihrem Bus herausklettern, heißt sie die neue Heimat mit einem Begrüßungspaket willkommen. Fast 20 Stunden Fahrt liegen hinter den Frauen und Kindern und die tagelange Ungewissheit, ob ihre Flucht nach Deutschland wirklich klappt.

Die Frau, die all dies möglich gemacht hat, sagt sichtlich bewegt: “Das ist ein besonderer Tag für uns alle. Die Kinder sind sofort zum Spielplatz gelaufen. Eines von ihnen hat mir gesagt: Es ist so seltsam still hier. Es heulen gar keine Sirenen.”

Linda Mai stampft Hilfszentrum aus dem Boden

Linda Mai gehört in diesen Tagen zu den vielen Menschen in Deutschland, die bei der Hilfe für die Flüchtlinge aus der Ukraine über sich hinauswachsen. Doch die Pharmazeutin, die vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Köln kam, ist noch ein wenig mehr: In den letzten Tagen ist sie zur Stimme der Ukraine in der Rheinmetropole geworden.

Die Vorstandsvorsitzende der deutsch-ukrainischen Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz hetzt gerade von einem Interview zum nächsten, sie hat Friedensdemonstrationen mit Tausenden Teilnehmern in Köln organisiert und auf ihnen gesprochen und den Verein in einer Tag-und-Nacht-Aktion zum größten Hilfszentrum der Stadt umfunktioniert.

“Ich kann zurzeit kaum schlafen, ich werde nachts wach und mache dann einfach weiter, ich versuche damit auch, meinen Schmerz zu überwinden. Ich bin allen Menschen, die mit der Ukraine vorher nichts zu tun hatten und jetzt hier mit anpacken, unglaublich dankbar. Ich glaube, der liebe Gott hat uns diese tollen, vor allem jungen Menschen geschickt. Diese Hilfsbereitschaft ist überwältigend und einfach phänomenal.”

Vor dem Krieg hatte die Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz ukrainischen Waisenkindern für zwei Wochen unbeschwerte Sommerferien in Köln beschert: die Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 16 Jahren bestaunten Elefanten im Kölner Zoo, fuhren Achterbahn im Freizeitpark Phantasialand und besuchten andächtig den Kölner Dom.

Seit dem 24.Februar, dem Beginn des Krieges, ist der Verein Anlaufpunkt für Babynahrung, Erste-Hilfe-Koffer und Schlafsäcke. In der 1600 Quadratmeter großen Lagerhalle sortieren Dutzende freiwillige Helfer wie Ameisen die im Minutentakt ankommenden Hilfspakete, ihre Namen haben sie sich mit Krepppapier an die Brust geklebt.

Jeden Tag machen sich fünf pickepackevolle Lastwagen von Köln aus in Richtung polnisch-ukrainische Grenze auf den Weg, die Güter werden dort auf ukrainische LKW verladen und in die Kriegsregion gebracht. Schon jetzt sind Hunderte Tonnen Waren in Osteuropa gelandet, und das soll nur der Anfang sein. Auch drei weitere Transporte ukrainischer Flüchtlinge nach Deutschland sind geplant.

Linda Mai hat selbst noch Mutter und Schwester in der Ukraine. Fragt man sie nach Ihrer Hoffnung für die nächsten Tage und Wochen, stockt sie, und die Stimme der 47-Jährigen beginnt zu zittern: “Ich hoffe, dass nicht so viele Ukrainer jetzt sterben müssen, weil ein Diktator seine persönlichen Ziele erreichen möchte. Dieses Verbrechen muss aufhören, sofort! Meine Heimat brennt.”

Genau deswegen musste auch Viktoria nicht lange nachdenken. Die junge Medizinstudentin schlägt seit einigen Tagen ihr Bett nicht mehr in ihrem Studienort Bonn, sondern bei Freunden in Köln auf, um von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends in der Lagerhalle anzupacken. Ihr Job gehört mit zu den wichtigsten: Sie koordiniert den Eingang und die Verteilung von Medikamenten und Verbandsmaterial für die ukrainischen Krankenhäuser.

“Mir gibt das Kraft hier, es ist ein wenig wie eine Therapie für mich. Ich sitze jetzt nicht zu Hause und weine, sondern mache etwas, was hilft. Das gibt auch meiner Familie und meinen Freunden in der Ukraine Kraft, jeden Morgen aufzustehen. Weil sie wissen, dass wir auch hier in Deutschland jeden Tag für sie kämpfen.”

Dafür geht Viktoria jetzt an ihre eigenen Grenzen, eine Nacht hat sie gar nicht geschlafen, weil sie außerdem noch Notdienst in einem Krankenhaus hatte. Es geht ihr wie so vielen Ukrainern und Ukrainerinnen in Deutschland: Durch die Sorge um die Angehörigen in der Heimat sind sie in einem emotionalen Ausnahmezustand.

“In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangene Woche hatte ich Dienst in der Klinik, als ich eine Nachricht von meiner Mutter bekam: ‘Wir werden bombardiert. Ich habe Dich lieb.’ Und dann hatte ich 30 Minuten keinen Kontakt mehr zu ihr und dachte, dass sie nicht mehr da ist. Das war fürchterlich. Seitdem habe ich keinen Überblick mehr, was heute für ein Tag ist und was da gerade in meinem Leben passiert.”

Immer wieder schießen Viktoria, die vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist und nahezu perfekt Deutsch spricht, die Tränen in die Augen. Neulich hat sie ein Helfer, der eine russische Freundin hat, gefragt, ob sie irgendwann bereit wäre zu vergeben. Jeden Tag ein Stückchen weniger, hat sie ihm gesagt, das brauche viel Zeit, da sei zu viel Schmerz.

“Diesen Donnerstag vor einer Woche werde ich nie in meinem Leben vergessen können, diese Nachricht meiner Mutter. Meine Hoffnung ist, dass dieser Krieg endlich endet. Und ich endlich meine Eltern wiedersehe.”

Deutschland | Ukraine-Konflikt - Ankunft Geflüchtete in Köln
Deutschland Köln | Linda Mai
Hektisches Treiben vor der ukrainischen Flagge: Hilfszentrum Blau Gelbes Kreuz in Köln

Schokolade, Müsliriegel und Zahnbürsten – als die ukrainischen Flüchtlinge vollkommen erschöpft aus ihrem Bus herausklettern, heißt sie die neue Heimat mit einem Begrüßungspaket willkommen. Fast 20 Stunden Fahrt liegen hinter den Frauen und Kindern und die tagelange Ungewissheit, ob ihre Flucht nach Deutschland wirklich klappt.

Immer wieder hatte sich die Abfahrt an der polnisch-ukrainischen Grenze verzögert, es gab Probleme bei der Registrierung, am Ende brachen sogar die Computersysteme an der Grenze zusammen. Jetzt herrscht bei Flüchtlingen und Unterstützern vor dem Wohnheim der Stadt im Kölner Norden einfach nur die pure Erleichterung.

Linda Mai stampft Hilfszentrum aus dem Boden

Die Frau, die all dies möglich gemacht hat, sagt sichtlich bewegt: “Das ist ein besonderer Tag für uns alle. Die Kinder sind sofort zum Spielplatz gelaufen. Eines von ihnen hat mir gesagt: Es ist so seltsam still hier. Es heulen gar keine Sirenen.”

Linda Mai gehört in diesen Tagen zu den vielen Menschen in Deutschland, die bei der Hilfe für die Flüchtlinge aus der Ukraine über sich hinauswachsen. Doch die Pharmazeutin, die vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Köln kam, ist noch ein wenig mehr: In den letzten Tagen ist sie zur Stimme der Ukraine in der Rheinmetropole geworden.

Die Vorstandsvorsitzende der deutsch-ukrainischen Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz hetzt gerade von einem Interview zum nächsten, sie hat Friedensdemonstrationen mit Tausenden Teilnehmern in Köln organisiert und auf ihnen gesprochen und den Verein in einer Tag-und-Nacht-Aktion zum größten Hilfszentrum der Stadt umfunktioniert.

“Ich kann zurzeit kaum schlafen, ich werde nachts wach und mache dann einfach weiter, ich versuche damit auch, meinen Schmerz zu überwinden. Ich bin allen Menschen, die mit der Ukraine vorher nichts zu tun hatten und jetzt hier mit anpacken, unglaublich dankbar. Ich glaube, der liebe Gott hat uns diese tollen, vor allem jungen Menschen geschickt. Diese Hilfsbereitschaft ist überwältigend und einfach phänomenal.”

Blau-Gelbes Kreuz erste Anlaufstelle für Unterstützung in Köln

Vor dem Krieg hatte die Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz ukrainischen Waisenkindern für zwei Wochen unbeschwerte Sommerferien in Köln beschert: die Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 16 Jahren bestaunten Elefanten im Kölner Zoo, fuhren Achterbahn im Freizeitpark Phantasialand und besuchten andächtig den Kölner Dom.

Ukrainische Helfer packen an und sind wie im Tunnel

Seit dem 24.Februar, dem Beginn des Krieges, ist der Verein Anlaufpunkt für Babynahrung, Erste-Hilfe-Koffer und Schlafsäcke. In der 1600 Quadratmeter großen Lagerhalle sortieren Dutzende freiwillige Helfer wie Ameisen die im Minutentakt ankommenden Hilfspakete, ihre Namen haben sie sich mit Krepppapier an die Brust geklebt.

Jeden Tag machen sich fünf pickepackevolle Lastwagen von Köln aus in Richtung polnisch-ukrainische Grenze auf den Weg, die Güter werden dort auf ukrainische LKW verladen und in die Kriegsregion gebracht. Schon jetzt sind Hunderte Tonnen Waren in Osteuropa gelandet, und das soll nur der Anfang sein. Auch drei weitere Transporte ukrainischer Flüchtlinge nach Deutschland sind geplant.

Linda Mai hat selbst noch Mutter und Schwester in der Ukraine. Fragt man sie nach Ihrer Hoffnung für die nächsten Tage und Wochen, stockt sie, und die Stimme der 47-Jährigen beginnt zu zittern: “Ich hoffe, dass nicht so viele Ukrainer jetzt sterben müssen, weil ein Diktator seine persönlichen Ziele erreichen möchte. Dieses Verbrechen muss aufhören, sofort! Meine Heimat brennt.”

Tiefe Wunden zwischen Ukrainern und Russen auch in Deutschland

Genau deswegen musste auch Viktoria nicht lange nachdenken. Die junge Medizinstudentin schlägt seit einigen Tagen ihr Bett nicht mehr in ihrem Studienort Bonn, sondern bei Freunden in Köln auf, um von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends in der Lagerhalle anzupacken. Ihr Job gehört mit zu den wichtigsten: Sie koordiniert den Eingang und die Verteilung von Medikamenten und Verbandsmaterial für die ukrainischen Krankenhäuser.

“Mir gibt das Kraft hier, es ist ein wenig wie eine Therapie für mich. Ich sitze jetzt nicht zu Hause und weine, sondern mache etwas, was hilft. Das gibt auch meiner Familie und meinen Freunden in der Ukraine Kraft, jeden Morgen aufzustehen. Weil sie wissen, dass wir auch hier in Deutschland jeden Tag für sie kämpfen.”

Dafür geht Viktoria jetzt an ihre eigenen Grenzen, eine Nacht hat sie gar nicht geschlafen, weil sie außerdem noch Notdienst in einem Krankenhaus hatte. Es geht ihr wie so vielen Ukrainern und Ukrainerinnen in Deutschland: Durch die Sorge um die Angehörigen in der Heimat sind sie in einem emotionalen Ausnahmezustand.

“In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangene Woche hatte ich Dienst in der Klinik, als ich eine Nachricht von meiner Mutter bekam: ‘Wir werden bombardiert. Ich habe Dich lieb.’ Und dann hatte ich 30 Minuten keinen Kontakt mehr zu ihr und dachte, dass sie nicht mehr da ist. Das war fürchterlich. Seitdem habe ich keinen Überblick mehr, was heute für ein Tag ist und was da gerade in meinem Leben passiert.”

Linda Mai vor einem der Lastwagen mit Hilfsgütern Richtung polnisch-ukrainische Grenze

Immer wieder schießen Viktoria, die vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist und nahezu perfekt Deutsch spricht, die Tränen in die Augen. Neulich hat sie ein Helfer, der eine russische Freundin hat, gefragt, ob sie irgendwann bereit wäre zu vergeben. Jeden Tag ein Stückchen weniger, hat sie ihm gesagt, das brauche viel Zeit, da sei zu viel Schmerz.

“Diesen Donnerstag vor einer Woche werde ich nie in meinem Leben vergessen können, diese Nachricht meiner Mutter. Meine Hoffnung ist, dass dieser Krieg endlich endet. Und ich endlich meine Eltern wiedersehe.”

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