Deutschland

Das Erdbeben in der Türkei hat auch Hoffnungen in Deutschland zerstört

Ein Haus in der Türkei. Für viele türkischstämmige Einwanderer in Deutschland ist das die Aussicht auf ein kleines bisschen Wohlstand im Alter. Manche haben durch das Erdbeben alles verloren.

Leyla Cöplüs Traum vom eigenen Haus in der Türkei zerfiel innerhalb weniger Minuten. Doch sie und ihr Mann Tahsin haben Wochen gebraucht, das zu begreifen. Die 48-jährige ist in Deutschland geboren und arbeitet seit 30 Jahren in einer Bäckerei in Gelsenkirchen-Horst, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Ihr Mann kommt aus Adiyaman, einer der am stärksten vom Erdbeben betroffenen Städte.

Tahsin Cöplü zog vor 30 Jahren nach Deutschland, nachdem er und Leyla im Rahmen der Familienzusammenführung geheiratet hatten. Vor ein paar Jahren kauften sie ein Haus in Gölbası-Adiyaman. Wie viele türkischstämmige Menschen in Deutschland hegten auch sie den Traum, ihren Lebensabend in seiner Heimatstadt verbringen zu können, in der Nähe seiner Familie. Alles Ersparte legten sie dafür zurück.

Leyla Cöplüs Traum vom eigenen Haus in der Türkei zerfiel innerhalb weniger Minuten. Doch sie und ihr Mann Tahsin haben Wochen gebraucht, das zu begreifen. Die 48-jährige ist in Deutschland geboren und arbeitet seit 30 Jahren in einer Bäckerei in Gelsenkirchen-Horst, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Ihr Mann kommt aus Adiyaman, einer der am stärksten vom Erdbeben betroffenen Städte.

Doch dann kam der 6. Februar 2023. In den Morgenstunden gab es in Gölbası zwei Erdbeben der Stärke 7,0 und mehr, drei Beben stärker als 6,0 und weit über hundert etwas geringerer Stärke.

Das Trauma sitzt tief

Nach den Erdbeben scheint es kein Gölbası mehr zu geben. Ihr Haus ist stark beschädigt und soll abgerissen werden. Das bedeutet, dass es jetzt kein Haus mehr gibt, in das sie zurückkehren können. 

Leylas Ehemann Tahsin Cöplü hat resigniert: “Ich glaube nicht, dass ich genug Zeit habe, um mir den Wiederaufbau der Stadt anzusehen. Wir haben nicht mehr vor, unseren Ruhestand in meiner Heimatstadt zu verbringen. Auch wenn wir gerne ein neues Haus kaufen würden, haben wir nicht genug Geld dafür. Das Leben in Deutschland ist teuer geworden, wir können kein neues Haus kaufen. Das ganze Geld, dass wir über die Jahre gespart haben, ist weg.” 

Bisher haben sie keine Hilfe erhalten. Sie rechnen auch in Zukunft nicht damit. 

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie vielen Menschen es genauso geht wie ihnen. Manche kaufen, manche erben, andere teilen sich eine Immobilie innerhalb der Familie.

Wir haben auch von anderen Fällen gehört. Von hochbetagten Einwanderern in Deutschland, die die Mieteinnahme ihres Hauses in der Türkei zur Aufbesserung ihrer schmalen Rente dringend benötigen. Von Menschen, die kurz vor der Erfüllung ihres Lebenstraumes standen, für den sie ein ganzes Arbeitsleben hart gearbeitet haben. Aber nur wenige wollen mit uns reden. 

Über 50.000 Menschen sind laut Angaben der türkischen Regierung bisher durch das Erdbeben getötet worden. Viele halten die Zahl für geschönt. Sie vermuten weitaus mehr Tote, da viele Leichen immer noch nicht geborgen wurden. Und wer mag da über ein verlorenes Haus jammern, wenn es so viele Tote zu beklagen gibt. Vielleicht erklärt das auch, warum uns bisher kein Verband, keine Organisation antwortete. 

Für die erste Einwanderergeneration spielte der Immobilienerwerb in der Türkei noch keine große Rolle. Es ging vor allem darum, der Familie in der Heimat ein Einkommen zu sichern. Viele der sogenannten “Gastarbeiter” beiderlei Geschlechts sparten eisern bis zu zwei Drittel ihres Einkommens für die Überweisung in ihre Heimat. Die Lebensplanung war ganz auf eine baldige Rückkehr ausgerichtet. 

Später änderte sich das. Viele türkische Arbeiter blieben in Deutschland länger als geplant. Mithilfe von Bausparverträgen kauften sie eine Immobilie oder ein Grundstück in der alten Heimat. Laut einer Studie ist für etwa 30 Prozent der Türkeistämmigen sowohl Deutschland als auch die Türkei Heimat. Knapp die Hälfte hat Heimatgefühle für Deutschland und genauso viele empfinden nur die Türkei als ihr Zuhause. Doch was heißt das?

Wir sitzen mit Familie Coban in ihrem Haus in Berlin zusammen. Can Coban kommt aus Antakya, der Stadt, die durch das Erdbeben fast völlig zerstört wurde.

Maria Cobans Eltern kommen aus dem nicht weit davon entferntem Dorf Cneydo. Ihre Tochter Alicia ist in Berlin geboren, und dennoch sagt die Zwanzigjährige: “Für mich ist das Heimat, ein magischer Ort, nicht nur ein Urlaubsort. Da kann ich eintauchen in die eigene Familiengeschichte. Wo schon die Eltern meiner Großeltern die Olivenbäume gepflanzt haben, die wir noch heute ernten.” 

Maria Cobans Eltern gingen zur Arbeit nach Frankreich. Sie selbst wurde dort geboren. Ihre Eltern leben immer noch in Frankreich. Can Cobans Eltern arbeiteten in Deutschland. Er wurde hier geboren. In Marias Dorf Cneydo haben sie ein Haus. Gerade einmal 300 Einwohner leben dort. Aber im Sommer und zur Olivenernte kommen sie wieder. Dann arbeiten und feiern hier über 5000 Menschen. Es kommen die Familien, die Tanten, die Cousins von überall her wieder zurück. Um die Häuser instand zu setzen, Öl zu pressen, zu ernten und das Neuste von den anderen zu erfahren.

Das Haus der Cobans in Cneydo hat durch das Erdbeben nur ein paar Risse bekommen. Sie haben es einer Familie überlassen, die alles verloren hat. Die Cobans werden im Sommer auch wieder hinfahren. Dann schlafen sie eben bei einem Cousin, erklären sie uns.

Ihre Wohnung in Antakya ist völlig zerstört. Eine Erdbebenversicherung haben sie nicht. Wie so viele. Can Coban erklärt das so: “Wir wussten von kleinen Beben, aber damit haben wir nicht gerechnet. Es hat uns auch nie eine Behörde oder eine Versicherung darauf aufmerksam gemacht.”

Vor dem Erbeben wollten sie öfter nach Antakya fahren, um mehr Zeit in ihrer Heimatstadt zu verbringen. Sie hoffen sehr, dass die Stadt wiederaufgebaut wird.

Als wir die Cöplüs fragen, ob sie vor dem Kauf des Hauses von Adiyaman über die Erdbebengefahr Bescheid gewusst hätten, sagen sie: ja. Seit ihrer Kindheit sprechen sie über Erdbeben, aber niemand von ihnen hat mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Auch sie haben keine Versicherung. Leyla Cöplüs sagt, wenn sie so etwas geahnt hätten, sie hätten ihr Haus dort nicht gekauft.

Maria und Can Coban haben es die ersten Tage nach dem Beben nicht glauben können. Das Ausmaß erschien ihnen völlig irreal. Die Familienmitglieder in Antakya hielten sie die ganze Zeit mit Videos auf dem Laufenden. Sie bekamen mit, wie Verschüttete tagelang um ihr Leben kämpften, weil keine Hilfe kam. Gerüchten zufolge soll das türkische Militär stattdessen Banken und Behörden gesichert haben. Maria Coban ist noch heute erbost. “Vielleicht machen die Leute ja jetzt die Augen bei der Wahl auf und wählen eine schönere, demokratische Türkei”, so die 42-Jährige. 

Am 14. Mai sind in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen. Bisher waren die Auslandstürken für die Regierungspartei AKP eine sichere Bank. Doch nach dem Erbeben ist das nicht mehr sicher. Viele Wahlberechtige in Deutschland haben mitbekommen, wie wenig organisiert die Hilfe von Präsident Erdogan für die Erdbebenopfer war und ist.

Türkei Erdbebenopfer
Erdbeben in der Türkei und Syrien
Türkei Maria - Can Coban

Leyla Cöplüs Traum vom eigenen Haus in der Türkei zerfiel innerhalb weniger Minuten. Doch sie und ihr Mann Tahsin haben Wochen gebraucht, das zu begreifen. Die 48-jährige ist in Deutschland geboren und arbeitet seit 30 Jahren in einer Bäckerei in Gelsenkirchen-Horst, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Ihr Mann kommt aus Adiyaman, einer der am stärksten vom Erdbeben betroffenen Städte.

Tahsin Cöplü zog vor 30 Jahren nach Deutschland, nachdem er und Leyla im Rahmen der Familienzusammenführung geheiratet hatten. Vor ein paar Jahren kauften sie ein Haus in Gölbası-Adiyaman. Wie viele türkischstämmige Menschen in Deutschland hegten auch sie den Traum, ihren Lebensabend in seiner Heimatstadt verbringen zu können, in der Nähe seiner Familie. Alles Ersparte legten sie dafür zurück.

Das Trauma sitzt tief

Doch dann kam der 6. Februar 2023. In den Morgenstunden gab es in Gölbası zwei Erdbeben der Stärke 7,0 und mehr, drei Beben stärker als 6,0 und weit über hundert etwas geringerer Stärke.

Nach den Erdbeben scheint es kein Gölbası mehr zu geben. Ihr Haus ist stark beschädigt und soll abgerissen werden. Das bedeutet, dass es jetzt kein Haus mehr gibt, in das sie zurückkehren können. 

Leylas Ehemann Tahsin Cöplü hat resigniert: “Ich glaube nicht, dass ich genug Zeit habe, um mir den Wiederaufbau der Stadt anzusehen. Wir haben nicht mehr vor, unseren Ruhestand in meiner Heimatstadt zu verbringen. Auch wenn wir gerne ein neues Haus kaufen würden, haben wir nicht genug Geld dafür. Das Leben in Deutschland ist teuer geworden, wir können kein neues Haus kaufen. Das ganze Geld, dass wir über die Jahre gespart haben, ist weg.” 

Bisher haben sie keine Hilfe erhalten. Sie rechnen auch in Zukunft nicht damit. 

Eine Immobilie in der Türkei ist mehr als eine Investition

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie vielen Menschen es genauso geht wie ihnen. Manche kaufen, manche erben, andere teilen sich eine Immobilie innerhalb der Familie.

Ein Haus als Familientreffpunkt, egal wo man wohnt

Wir haben auch von anderen Fällen gehört. Von hochbetagten Einwanderern in Deutschland, die die Mieteinnahme ihres Hauses in der Türkei zur Aufbesserung ihrer schmalen Rente dringend benötigen. Von Menschen, die kurz vor der Erfüllung ihres Lebenstraumes standen, für den sie ein ganzes Arbeitsleben hart gearbeitet haben. Aber nur wenige wollen mit uns reden. 

Über 50.000 Menschen sind laut Angaben der türkischen Regierung bisher durch das Erdbeben getötet worden. Viele halten die Zahl für geschönt. Sie vermuten weitaus mehr Tote, da viele Leichen immer noch nicht geborgen wurden. Und wer mag da über ein verlorenes Haus jammern, wenn es so viele Tote zu beklagen gibt. Vielleicht erklärt das auch, warum uns bisher kein Verband, keine Organisation antwortete. 

Für die erste Einwanderergeneration spielte der Immobilienerwerb in der Türkei noch keine große Rolle. Es ging vor allem darum, der Familie in der Heimat ein Einkommen zu sichern. Viele der sogenannten “Gastarbeiter” beiderlei Geschlechts sparten eisern bis zu zwei Drittel ihres Einkommens für die Überweisung in ihre Heimat. Die Lebensplanung war ganz auf eine baldige Rückkehr ausgerichtet. 

Oft gibt es keine Erdbebenversicherung

Später änderte sich das. Viele türkische Arbeiter blieben in Deutschland länger als geplant. Mithilfe von Bausparverträgen kauften sie eine Immobilie oder ein Grundstück in der alten Heimat. Laut einer Studie ist für etwa 30 Prozent der Türkeistämmigen sowohl Deutschland als auch die Türkei Heimat. Knapp die Hälfte hat Heimatgefühle für Deutschland und genauso viele empfinden nur die Türkei als ihr Zuhause. Doch was heißt das?

Wir sitzen mit Familie Coban in ihrem Haus in Berlin zusammen. Can Coban kommt aus Antakya, der Stadt, die durch das Erdbeben fast völlig zerstört wurde.

“Vielleicht machen jetzt die Leute die Augen bei der Wahl auf”

Maria Cobans Eltern kommen aus dem nicht weit davon entferntem Dorf Cneydo. Ihre Tochter Alicia ist in Berlin geboren, und dennoch sagt die Zwanzigjährige: “Für mich ist das Heimat, ein magischer Ort, nicht nur ein Urlaubsort. Da kann ich eintauchen in die eigene Familiengeschichte. Wo schon die Eltern meiner Großeltern die Olivenbäume gepflanzt haben, die wir noch heute ernten.” 

Nicht alle werden wieder ein neues Haus bauen

Maria Cobans Eltern gingen zur Arbeit nach Frankreich. Sie selbst wurde dort geboren. Ihre Eltern leben immer noch in Frankreich. Can Cobans Eltern arbeiteten in Deutschland. Er wurde hier geboren. In Marias Dorf Cneydo haben sie ein Haus. Gerade einmal 300 Einwohner leben dort. Aber im Sommer und zur Olivenernte kommen sie wieder. Dann arbeiten und feiern hier über 5000 Menschen. Es kommen die Familien, die Tanten, die Cousins von überall her wieder zurück. Um die Häuser instand zu setzen, Öl zu pressen, zu ernten und das Neuste von den anderen zu erfahren.

Türkei Erdbeben Hatay

Das Haus der Cobans in Cneydo hat durch das Erdbeben nur ein paar Risse bekommen. Sie haben es einer Familie überlassen, die alles verloren hat. Die Cobans werden im Sommer auch wieder hinfahren. Dann schlafen sie eben bei einem Cousin, erklären sie uns.

Ihre Wohnung in Antakya ist völlig zerstört. Eine Erdbebenversicherung haben sie nicht. Wie so viele. Can Coban erklärt das so: “Wir wussten von kleinen Beben, aber damit haben wir nicht gerechnet. Es hat uns auch nie eine Behörde oder eine Versicherung darauf aufmerksam gemacht.”

Vor dem Erbeben wollten sie öfter nach Antakya fahren, um mehr Zeit in ihrer Heimatstadt zu verbringen. Sie hoffen sehr, dass die Stadt wiederaufgebaut wird.

Als wir die Cöplüs fragen, ob sie vor dem Kauf des Hauses von Adiyaman über die Erdbebengefahr Bescheid gewusst hätten, sagen sie: ja. Seit ihrer Kindheit sprechen sie über Erdbeben, aber niemand von ihnen hat mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Auch sie haben keine Versicherung. Leyla Cöplüs sagt, wenn sie so etwas geahnt hätten, sie hätten ihr Haus dort nicht gekauft.

Maria und Can Coban haben es die ersten Tage nach dem Beben nicht glauben können. Das Ausmaß erschien ihnen völlig irreal. Die Familienmitglieder in Antakya hielten sie die ganze Zeit mit Videos auf dem Laufenden. Sie bekamen mit, wie Verschüttete tagelang um ihr Leben kämpften, weil keine Hilfe kam. Gerüchten zufolge soll das türkische Militär stattdessen Banken und Behörden gesichert haben. Maria Coban ist noch heute erbost. “Vielleicht machen die Leute ja jetzt die Augen bei der Wahl auf und wählen eine schönere, demokratische Türkei”, so die 42-Jährige. 

Am 14. Mai sind in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen. Bisher waren die Auslandstürken für die Regierungspartei AKP eine sichere Bank. Doch nach dem Erbeben ist das nicht mehr sicher. Viele Wahlberechtige in Deutschland haben mitbekommen, wie wenig organisiert die Hilfe von Präsident Erdogan für die Erdbebenopfer war und ist.

Die Familie Çöplü hat die türkische Regierung nie unterstützt, aber nach dem Erdbeben haben sie alle Illusionen verloren. 

Cobans haben aber nicht nur eine Wohnung verloren. Zwei Jahre haben sie auf die Eröffnung ihres eigenen Catering-Unternehmens hingearbeitet. Fast alle Zutaten kommen dafür aus Cneydo. Selbstverständlich alles selbst angebaut. Der Container stand schon fertig in der Hafenstadt Iskenderun. Doch durch das Erdbeben brach im Hafen ein Feuer aus. Die Ware wurde stark beschädigt. 

Cobans haben aber nicht nur eine Wohnung verloren. Zwei Jahre haben sie auf die Eröffnung ihres eigenen Catering-Unternehmens hingearbeitet. Fast alle Zutaten kommen dafür aus Cneydo. Selbstverständlich alles selbst angebaut. Der Container stand schon fertig in der Hafenstadt Iskenderun. Doch durch das Erdbeben brach im Hafen ein Feuer aus. Die Ware wurde stark beschädigt. 

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