Kultur

Von Kunst bis Konsum: Die Geschichte des Plakats

Schon in der Antike listeten Händler ihre Waren auf steinernen Tafeln auf, um Kunden anzulocken. Jahrhunderte später übernahmen Plakate diese Aufgabe. Eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen zeigt ihren Siegeszug.

Man kann sich Uncle Sams eindringlichem Blick kaum entziehen. Dazu der ausgestreckte Zeigefinger, der die klare Botschaft vermittelt: DU bist gemeint. „I want you for U.S. Army“ (Ich will Dich für die US-Armee). Das Plakat aus dem Jahr 1917 sollte junge Männer an ihre patriotische Pflicht erinnern, für ihr Vaterland in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

Das Werk stammt aus der Zeichenfeder des New Yorkers James Montgomery Flagg, der Uncle Sam seine eigenen Züge verliehen haben soll. Auch im Zweiten Weltkrieg warb die US-Armee mit diesem Plakat – und tut es bis heute. Es ist weltbekannt und hat längst Kultstatus.

Man kann sich Uncle Sams eindringlichem Blick kaum entziehen. Dazu der ausgestreckte Zeigefinger, der die klare Botschaft vermittelt: DU bist gemeint. „I want you for U.S. Army“ (Ich will Dich für die US-Armee). Das Plakat aus dem Jahr 1917 sollte junge Männer an ihre patriotische Pflicht erinnern, für ihr Vaterland in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

So kommt es nicht von ungefähr, dass das Essener Museum Folkwang seine Ausstellung zur Geschichte des Plakats unter dem Titel „We Want You!“ präsentiert. Die Zeitreise beginnt  im 18. Jahrhundert mit Anschlagszetteln, Karikaturen, Illustrationen und historischen Fotografien, zeigt Wahlplakate und endet in der Gegenwart mit einem Ausblick auf die Zukunft.

Wie alles begann

Denn Plakate, so Kurator René Grohnert, werde es auch dann noch geben – wenn auch in anderer Form. Klar ist für ihn, dass der Spruch „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ heute mehr denn je gilt. „Allerdings muss das Bild idealerweise bewegt sein, um die Leute anzusprechen“, also ein Video, sagt Grohnert.

Vorläufer des Plakats waren Steintafeln, auf denen einst die alten Ägypter Botschaften einritzten. Die Römer stellten an belebten Plätzen Holztafeln mit öffentlichen Bekanntmachungen auf. Und im Mittelalter gab es plakatähnliche Anschläge auf Markplätzen oder vor Kirchen.

Doch die eigentliche Geburtsstunde des Plakats schlug Mitte des 15. Jahrhunderts mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Im Jahr 1798 entwickelte der Musiker und Schriftsteller Alois Senefelder dann die Lithografie. Inspiriert dazu wurde er an einem Regentag, an dem er beobachtete, wie sich ein Blatt auf einem Kalkstein abzeichnete.

Bei seinem Verfahren wird ein Motiv auf eine Steinplatte gezeichnet und mittels Presskraft auf Papier übertragen. „Ein Stückchen äußerst schlecht gedruckter Musiknoten aus einem alten Gesangbuch weckten sogleich die Idee, dass ich mit meiner neuen Druckart auch Musikalien weit schöner als bleierne Lettern liefern könnte“, schrieb Senefelder später in seinem „Lehrbuch der Steindruckerey“.

Senefelders Erfindung ermöglichte fortan die Massenreproduktion von Plakaten. Zunächst lag diese Aufgabe in der Hand von Druckern und Lithografen. Doch die wurden den wachsenden Qualitätsansprüchen der Kundschaft an die Motive nicht gerecht. Man engagierte zunehmend Künstler. Als Pionier der Plakatkunst gilt der Franzose Jules Chéret, der 1866 seine eigene Lithografie-Werkstatt gründete und in 40 Jahren rund 1200 Plakate schuf. Die Bevölkerung verlieh ihm dafür den Spitznamen „Schöpfer einer Galerie der Straße“.

Ebenso bekannt wurde Chérets Landsmann Henri de Toulouse-Lautrec, der mit seinen Kunstwerken für das berühmte Pariser Varieté Moulin Rouge Plakatgeschichte schrieb. Fast jeden Abend fing er das ausschweifende Nachtleben rund um den Montmartre in seinen Zeichnungen ein.

In Deutschland dominierten um die Jahrhundertwende Jugendstil-Motive. Das Veranstaltungsplakat für das Theaterstück „Gismonda“, das die damals weltberühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt zeigt, stammt von Alfons Mucha. Alle öffentlich aufgehängten Exemplare des Plakats wurden innerhalb von kurzer Zeit von Kunstfreunden gestohlen.

Aufwendig gestaltete Künstlerplakate gibt es heute höchstens noch in Museen oder Theatern, sagt Kurator René Grohnert, denn mit wachsender Konsumlaune seit den 1920er-Jahren wuchs das Angebot an Markenartikeln und damit an kommerziellen Plakaten, die Zigaretten, Parfüm oder Miederwaren bewarben. Statt mit üppigen Jugendstil-Ornamenten wurde jetzt mit Funktionalität geworben: Produkt, Name: fertig.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich das Plakat dann immer wieder: Die Werbung der Zeit wurde stark von Kunstbewegungen und dem Zeitgeist beeinflusst. Mal reduzierter Bauhaus-Stil, mal Eleganz à la Art Déco; mal mit amerikanischem Lebensgefühl mit Petticoat und Elvis-Tolle-Motiven in den 1950ern, mal psychedelisch an die Hippie-Ära angepasst oder provokativ in den 80er-Jahren: Damals wurden Produkte auch schon mal mit Aidskranken oder ölverschmierten Enten beworben.

Doch nicht nur Konsumgüter wurden angepriesen, Plakate hatten auch immer politische Botschaften: Die Nazis nutzen sie ebenso zu Propagandazwecken wie das kommunistische Regime im Ostblock. Die Jugend der 1960er-Jahre (und spätere Generationen) hängte sich Plakate vom Revolutionär Che Guevara an die Wand, es gab Plakate gegen Atomwaffen, den Vietnamkrieg, Umweltverschmutzung und Überbevölkerung.

Durch die zunehmende Verbreitung der Massenmedien geriet zwar der gesamte Werbemarkt in Bewegung, vor allem, als das Fernsehen die Produktwerbung direkt ins heimische Wohnzimmer brachte: Das Plakat aber blieb. „Allerdings weniger als Informationsträger denn als Erinnerung an etwas, das man schon mal gesehen hat“, sagt Grohnert. „Durch die Wiederholung prägt es sich uns ein.“

Plakate wurden und werden bis heute wild in die Gegend geklebt – oder an Litfaßsäulen, die schon 1854 erfunden wurden. Das Fossil unter den Werbeträgern kann sich im 21. Jahrhundert sogar drehen, die Plakate werden von hinten angestrahlt. Doch die Zukunft sehe anders aus, so René Grohnert. „Das Plakat integriert sich in ein Gesamtkonzept: Zum Beispiel wird an einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ein beleuchtetes Werbeplakat, Information und Dachbegrünung in einem Stadtmöbel  zusammengeführt.“ Im Zeitalter der Digitalisierung gehört das Plakat also längt noch nicht zum alten Eisen.

Die Plakatausstellung „We Want You!“ ist bis zum 28. August 2022 im Folkwang Museum Essen zu sehen.

Plakat Uncle Sam wirbt für die Armee (USA 1917)
Berlins neue Anschlag-Säulen: Lithografie, um 1855. Herren mit Zylinder betrachten eine Litfasssäule
Toulouse Lautrec steht mit Tremolada, dem Assistent des Direktors, neben seinem Plakat für das Moulin Rouge (um 1890)

Man kann sich Uncle Sams eindringlichem Blick kaum entziehen. Dazu der ausgestreckte Zeigefinger, der die klare Botschaft vermittelt: DU bist gemeint. „I want you for U.S. Army“ (Ich will Dich für die US-Armee). Das Plakat aus dem Jahr 1917 sollte junge Männer an ihre patriotische Pflicht erinnern, für ihr Vaterland in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

Das Werk stammt aus der Zeichenfeder des New Yorkers James Montgomery Flagg, der Uncle Sam seine eigenen Züge verliehen haben soll. Auch im Zweiten Weltkrieg warb die US-Armee mit diesem Plakat – und tut es bis heute. Es ist weltbekannt und hat längst Kultstatus.

Wie alles begann

So kommt es nicht von ungefähr, dass das Essener Museum Folkwang seine Ausstellung zur Geschichte des Plakats unter dem Titel „We Want You!“ präsentiert. Die Zeitreise beginnt  im 18. Jahrhundert mit Anschlagszetteln, Karikaturen, Illustrationen und historischen Fotografien, zeigt Wahlplakate und endet in der Gegenwart mit einem Ausblick auf die Zukunft.

Denn Plakate, so Kurator René Grohnert, werde es auch dann noch geben – wenn auch in anderer Form. Klar ist für ihn, dass der Spruch „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ heute mehr denn je gilt. „Allerdings muss das Bild idealerweise bewegt sein, um die Leute anzusprechen“, also ein Video, sagt Grohnert.

Vorläufer des Plakats waren Steintafeln, auf denen einst die alten Ägypter Botschaften einritzten. Die Römer stellten an belebten Plätzen Holztafeln mit öffentlichen Bekanntmachungen auf. Und im Mittelalter gab es plakatähnliche Anschläge auf Markplätzen oder vor Kirchen.

Doch die eigentliche Geburtsstunde des Plakats schlug Mitte des 15. Jahrhunderts mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Im Jahr 1798 entwickelte der Musiker und Schriftsteller Alois Senefelder dann die Lithografie. Inspiriert dazu wurde er an einem Regentag, an dem er beobachtete, wie sich ein Blatt auf einem Kalkstein abzeichnete.

Plakatkünstler en vogue

Bei seinem Verfahren wird ein Motiv auf eine Steinplatte gezeichnet und mittels Presskraft auf Papier übertragen. „Ein Stückchen äußerst schlecht gedruckter Musiknoten aus einem alten Gesangbuch weckten sogleich die Idee, dass ich mit meiner neuen Druckart auch Musikalien weit schöner als bleierne Lettern liefern könnte“, schrieb Senefelder später in seinem „Lehrbuch der Steindruckerey“.

Angepasst an den Zeitgeist

Senefelders Erfindung ermöglichte fortan die Massenreproduktion von Plakaten. Zunächst lag diese Aufgabe in der Hand von Druckern und Lithografen. Doch die wurden den wachsenden Qualitätsansprüchen der Kundschaft an die Motive nicht gerecht. Man engagierte zunehmend Künstler. Als Pionier der Plakatkunst gilt der Franzose Jules Chéret, der 1866 seine eigene Lithografie-Werkstatt gründete und in 40 Jahren rund 1200 Plakate schuf. Die Bevölkerung verlieh ihm dafür den Spitznamen „Schöpfer einer Galerie der Straße“.

Ebenso bekannt wurde Chérets Landsmann Henri de Toulouse-Lautrec, der mit seinen Kunstwerken für das berühmte Pariser Varieté Moulin Rouge Plakatgeschichte schrieb. Fast jeden Abend fing er das ausschweifende Nachtleben rund um den Montmartre in seinen Zeichnungen ein.

In Deutschland dominierten um die Jahrhundertwende Jugendstil-Motive. Das Veranstaltungsplakat für das Theaterstück „Gismonda“, das die damals weltberühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt zeigt, stammt von Alfons Mucha. Alle öffentlich aufgehängten Exemplare des Plakats wurden innerhalb von kurzer Zeit von Kunstfreunden gestohlen.

Aufwendig gestaltete Künstlerplakate gibt es heute höchstens noch in Museen oder Theatern, sagt Kurator René Grohnert, denn mit wachsender Konsumlaune seit den 1920er-Jahren wuchs das Angebot an Markenartikeln und damit an kommerziellen Plakaten, die Zigaretten, Parfüm oder Miederwaren bewarben. Statt mit üppigen Jugendstil-Ornamenten wurde jetzt mit Funktionalität geworben: Produkt, Name: fertig.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich das Plakat dann immer wieder: Die Werbung der Zeit wurde stark von Kunstbewegungen und dem Zeitgeist beeinflusst. Mal reduzierter Bauhaus-Stil, mal Eleganz à la Art Déco; mal mit amerikanischem Lebensgefühl mit Petticoat und Elvis-Tolle-Motiven in den 1950ern, mal psychedelisch an die Hippie-Ära angepasst oder provokativ in den 80er-Jahren: Damals wurden Produkte auch schon mal mit Aidskranken oder ölverschmierten Enten beworben.

Doch nicht nur Konsumgüter wurden angepriesen, Plakate hatten auch immer politische Botschaften: Die Nazis nutzen sie ebenso zu Propagandazwecken wie das kommunistische Regime im Ostblock. Die Jugend der 1960er-Jahre (und spätere Generationen) hängte sich Plakate vom Revolutionär Che Guevara an die Wand, es gab Plakate gegen Atomwaffen, den Vietnamkrieg, Umweltverschmutzung und Überbevölkerung.

Durch die zunehmende Verbreitung der Massenmedien geriet zwar der gesamte Werbemarkt in Bewegung, vor allem, als das Fernsehen die Produktwerbung direkt ins heimische Wohnzimmer brachte: Das Plakat aber blieb. „Allerdings weniger als Informationsträger denn als Erinnerung an etwas, das man schon mal gesehen hat“, sagt Grohnert. „Durch die Wiederholung prägt es sich uns ein.“

Über einer Zigarettenschachtel steht Manoli

Plakate wurden und werden bis heute wild in die Gegend geklebt – oder an Litfaßsäulen, die schon 1854 erfunden wurden. Das Fossil unter den Werbeträgern kann sich im 21. Jahrhundert sogar drehen, die Plakate werden von hinten angestrahlt. Doch die Zukunft sehe anders aus, so René Grohnert. „Das Plakat integriert sich in ein Gesamtkonzept: Zum Beispiel wird an einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ein beleuchtetes Werbeplakat, Information und Dachbegrünung in einem Stadtmöbel  zusammengeführt.“ Im Zeitalter der Digitalisierung gehört das Plakat also längt noch nicht zum alten Eisen.

Die Plakatausstellung „We Want You!“ ist bis zum 28. August 2022 im Folkwang Museum Essen zu sehen.

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