Deutschland

Frank-Walter Steinmeier: Religion und die Vernunft

Wie wenige vor ihm betont der Bundespräsident die Notwendigkeit einer öffentlichen Kirche. Er nimmt auch die russische Orthodoxie in die Pflicht.

Wieder mahnt er religiöse Akteure zu gesellschaftlichem Engagement und zu öffentlicher Verantwortung: “Nächstenliebe ist nicht nur karitativ”, betont Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. “Sie kann und muss auch politische Konsequenzen haben. Sie kann und muss auch im Kampf für Gerechtigkeit bestehen, im Einsatz für Teilhabe auch der Marginalisierten.”

Das Staatsoberhaupt spricht bei der Eröffnung der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe, im Deutschen auch Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) genannt.. Und er verdeutlicht dem Auditorium, Kirchenvertretern aus 120 Ländern, seine grundlegende Überzeugung: Christsein dürfe sich nicht auf Frömmigkeit fern der Welt beschränken. Wer die Botschaft Jesu ernst nehme, müsse handeln. Es gehe ihm um Vernunft und Verantwortung aus dem Glauben heraus.

Wieder mahnt er religiöse Akteure zu gesellschaftlichem Engagement und zu öffentlicher Verantwortung: “Nächstenliebe ist nicht nur karitativ”, betont Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. “Sie kann und muss auch politische Konsequenzen haben. Sie kann und muss auch im Kampf für Gerechtigkeit bestehen, im Einsatz für Teilhabe auch der Marginalisierten.”

Frank-Walter Steinmeier: Der 66-Jährige ist Bundespräsident – und reformierter Christ, er gehört also zu den protestantischen Christen. Im Jahr des 500. Jahrestags der Reformation, 2017, wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt. Wie kaum ein Bundespräsident vor ihm wendet er sich seitdem mit Auftritten und Reden direkt an die Kirchen, an die Christinnen und Christen im Land.

Religion zum Thema der Außenpolitik

Allein in diesem Sommer: Ende Mai sprach er in Stuttgart bei der Eröffnung des Deutschen Katholikentages; da ermutigte der reformierte Christ Steinmeier die vor andauernder Kirchenkrise verzagten Gläubigen zur öffentlichen Mitsprache. Im Juli kam er als Festredner zum Libori-Fest nach Paderborn, das zum 500. Mal begangen wurde. Vor wenigen Tagen dann würdigte er, als Freund, mit einer grundsätzlichen Rede den früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber. Und nun Karlsruhe.

Ein wenig ist diese Veranstaltung auch sein Karlsruhe. Denn Steinmeier setzte und setzt bewusst vielfältig auf die öffentliche Präsenz von Religion, und dabei beschränkt er sich nicht auf die christliche Religion. Dieses Engagement hatte, als er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion war (2009-2013), dort noch einen höheren Stellenwert als heute. Als Außenminister (2013-2017) verankerte er im Auswärtigen Amt das Thema Religion, etablierte das Referat “Religion und Außenpolitik”. Wäre Steinmeier 2017 nicht Bundespräsident geworden, hätte er – das stand schon längst fest – 2019 als Präsident dem Deutschen Evangelischen Kirchentag vorgestanden.

Als dann im Auswärtigen Amt die ersten Konferenzen mit hochrangigen Religionsvertretern aus aller Welt anliefen, machte schon Steinmeiers Nachfolger Sigmar Gabriel den Gastgeber, der die Bedeutung des Themas sah und die Tradition aufgriff. Bei dessen Nachfolger Heiko Maas wich dagegen nie der Grundzug einer Gleichgültigkeit für das Thema. Unterstützt vom Auswärtigen Amt, tagte seit 2019 mehrmals in Maas’ Amtszeit die interreligiöse Weltorganisation “Religions for Peace” in Lindau am Bodensee. Nie reiste Maas zum Event, er schickte auch nie ein inhaltsstarkes Grußwort. Stattdessen kam zum Auftakt 2019 als Redner… Steinmeier. 

Zu den vielen Reden passen die Reisen des Bundespräsidenten. Zwei Mal, im Oktober 2017 und im Oktober 2021, reiste der mit einer Katholikin verheiratete Protestant zu Papst Franziskus in den Vatikan. 

Steinmeier ist nicht der Prediger-Typ wie seine Amtsvorgänger Johannes Rau und Gustav Heinemann, nicht der Pastor der Deutschen wie der Lutheraner Joachim Gauck, nicht der akademisch-theologische Erklärer wie Richard von Weizsäcker. Jede dieser Rollen spielt er gelegentlich auch. Aber dem “praktizierenden Protestant”, wie er selbst einmal sagte, geht es um die Bedeutung öffentlicher Religion für die Gesellschaft.

Wie eine Zusammenfassung seiner Position wirkt die Rede, die Steinmeier im Oktober 2019 als “Weltethos-Rede” in Tübingen hält. Ausdrücklich grüßte er da zunächst den wegen Alter und Erkrankung schon abwesenden Hans Küng (1928-2021), der über Jahrzehnte wesentlich für den Dialog der Religionen und ein gemeinsames “Weltethos” warb. Dies sei von “unerhörter historischer Dringlichkeit”, so Steinmeier. Da würdigte er die “kulturprägende Wirkung” von Religionen, warb für deren Zusammenarbeit “in weltethischer Sicht” und kam immer wieder auf ein Zueinander von Religion und Vernunft. “Religion, die sich nicht der Vernunft stellt, kann blind gegenüber der Wirklichkeit und zu unbeirrbarer Rechthaberei verführt werden, mit furchtbaren Konsequenzen – eine der vielleicht katastrophalsten Bedrohungen eines gemeinsamen Ethos.”

In seiner Karlsruher Rede aktualisiert Steinmeier diese Warnung am Beispiel der russischen Orthodoxie und ihres Kurses seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Da wurde Steinmeier fast scharf. 

Den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill, einen engen Verbündeten von Präsident Wladimir Putin, erwähnt Steinmeier zwar nicht namentlich. Aber er ist auch so deutlich genug. Die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche führten ihre Gläubigen derzeit auf einen “schlimmen, ja geradezu glaubensfeindlichen und blasphemischen Irrweg”. Sie hätten sich “mit den Verbrechen des Krieges gegen die Ukraine gemein gemacht”, klagt der Bundespräsident und spricht von einer “als Theologie verbrämten totalitären Ideologie”. Und auch da nennt er wieder die Vernunft. Kein Christ, der “seinen Glauben, seine Vernunft und seine Sinne” noch beisammen habe, werde “darin Gottes Willen erkennen können”.

Steinmeier fordert die Weltversammlung der Kirchen beim Dialog mit Moskaus Vertretern in Karlsruhe ausdrücklich zum Widerspruch gegen die russische Orthodoxie auf. “Dialog ist kein Selbstzweck. Dialog muss Unrecht zur Sprache bringen, muss Opfer benennen ebenso wie Täter – und deren Erfüllungsgehilfen.” Wenn sich ein Dialog dagegen “auf fromme Wünsche beschränkt und im Ungefähren bleibt, wird er schlimmstenfalls zur Bühne für Rechtfertigung und Propaganda”. Vor dieser Wahl stehe die ÖRK-Vollversammlung. Es klingt wie eine Warnung.

Ganz ähnlich, aber damals noch zurückhaltender äußerte Steinmeier sich bereits bei seiner Rede zum Libori-Fest in Paderborn im vorigen Juli zu Irrwegen der Religion: “Es hat nie eine gerade Linie von den christlich geprägten Grundüberzeugungen zum faktischen Handeln gegeben. Immer wieder hat es schreckliche Verirrungen und Verbrechen gegeben und Perversionen dieser guten und heilsamen Ursprünge.” Zur europäischen Geschichte gehöre immer wieder notwendige Neubesinnung auf Europas gute geistige Wurzeln.

Deutschland Stuttgart | Katholikentag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Deustchland Lindau | Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei Religions for Peace
Vatikan | Papst Franziskus empfängt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Wieder mahnt er religiöse Akteure zu gesellschaftlichem Engagement und zu öffentlicher Verantwortung: “Nächstenliebe ist nicht nur karitativ”, betont Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. “Sie kann und muss auch politische Konsequenzen haben. Sie kann und muss auch im Kampf für Gerechtigkeit bestehen, im Einsatz für Teilhabe auch der Marginalisierten.”

Das Staatsoberhaupt spricht bei der Eröffnung der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe, im Deutschen auch Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) genannt.. Und er verdeutlicht dem Auditorium, Kirchenvertretern aus 120 Ländern, seine grundlegende Überzeugung: Christsein dürfe sich nicht auf Frömmigkeit fern der Welt beschränken. Wer die Botschaft Jesu ernst nehme, müsse handeln. Es gehe ihm um Vernunft und Verantwortung aus dem Glauben heraus.

Religion zum Thema der Außenpolitik

Frank-Walter Steinmeier: Der 66-Jährige ist Bundespräsident – und reformierter Christ, er gehört also zu den protestantischen Christen. Im Jahr des 500. Jahrestags der Reformation, 2017, wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt. Wie kaum ein Bundespräsident vor ihm wendet er sich seitdem mit Auftritten und Reden direkt an die Kirchen, an die Christinnen und Christen im Land.

Allein in diesem Sommer: Ende Mai sprach er in Stuttgart bei der Eröffnung des Deutschen Katholikentages; da ermutigte der reformierte Christ Steinmeier die vor andauernder Kirchenkrise verzagten Gläubigen zur öffentlichen Mitsprache. Im Juli kam er als Festredner zum Libori-Fest nach Paderborn, das zum 500. Mal begangen wurde. Vor wenigen Tagen dann würdigte er, als Freund, mit einer grundsätzlichen Rede den früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber. Und nun Karlsruhe.

Ein wenig ist diese Veranstaltung auch sein Karlsruhe. Denn Steinmeier setzte und setzt bewusst vielfältig auf die öffentliche Präsenz von Religion, und dabei beschränkt er sich nicht auf die christliche Religion. Dieses Engagement hatte, als er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion war (2009-2013), dort noch einen höheren Stellenwert als heute. Als Außenminister (2013-2017) verankerte er im Auswärtigen Amt das Thema Religion, etablierte das Referat “Religion und Außenpolitik”. Wäre Steinmeier 2017 nicht Bundespräsident geworden, hätte er – das stand schon längst fest – 2019 als Präsident dem Deutschen Evangelischen Kirchentag vorgestanden.

Als dann im Auswärtigen Amt die ersten Konferenzen mit hochrangigen Religionsvertretern aus aller Welt anliefen, machte schon Steinmeiers Nachfolger Sigmar Gabriel den Gastgeber, der die Bedeutung des Themas sah und die Tradition aufgriff. Bei dessen Nachfolger Heiko Maas wich dagegen nie der Grundzug einer Gleichgültigkeit für das Thema. Unterstützt vom Auswärtigen Amt, tagte seit 2019 mehrmals in Maas’ Amtszeit die interreligiöse Weltorganisation “Religions for Peace” in Lindau am Bodensee. Nie reiste Maas zum Event, er schickte auch nie ein inhaltsstarkes Grußwort. Stattdessen kam zum Auftakt 2019 als Redner… Steinmeier. 

Die Bedeutung öffentlicher Religion

Zu den vielen Reden passen die Reisen des Bundespräsidenten. Zwei Mal, im Oktober 2017 und im Oktober 2021, reiste der mit einer Katholikin verheiratete Protestant zu Papst Franziskus in den Vatikan. 

Steinmeier ist nicht der Prediger-Typ wie seine Amtsvorgänger Johannes Rau und Gustav Heinemann, nicht der Pastor der Deutschen wie der Lutheraner Joachim Gauck, nicht der akademisch-theologische Erklärer wie Richard von Weizsäcker. Jede dieser Rollen spielt er gelegentlich auch. Aber dem “praktizierenden Protestant”, wie er selbst einmal sagte, geht es um die Bedeutung öffentlicher Religion für die Gesellschaft.

Wie eine Zusammenfassung seiner Position wirkt die Rede, die Steinmeier im Oktober 2019 als “Weltethos-Rede” in Tübingen hält. Ausdrücklich grüßte er da zunächst den wegen Alter und Erkrankung schon abwesenden Hans Küng (1928-2021), der über Jahrzehnte wesentlich für den Dialog der Religionen und ein gemeinsames “Weltethos” warb. Dies sei von “unerhörter historischer Dringlichkeit”, so Steinmeier. Da würdigte er die “kulturprägende Wirkung” von Religionen, warb für deren Zusammenarbeit “in weltethischer Sicht” und kam immer wieder auf ein Zueinander von Religion und Vernunft. “Religion, die sich nicht der Vernunft stellt, kann blind gegenüber der Wirklichkeit und zu unbeirrbarer Rechthaberei verführt werden, mit furchtbaren Konsequenzen – eine der vielleicht katastrophalsten Bedrohungen eines gemeinsamen Ethos.”

In seiner Karlsruher Rede aktualisiert Steinmeier diese Warnung am Beispiel der russischen Orthodoxie und ihres Kurses seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Da wurde Steinmeier fast scharf. 

Den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill, einen engen Verbündeten von Präsident Wladimir Putin, erwähnt Steinmeier zwar nicht namentlich. Aber er ist auch so deutlich genug. Die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche führten ihre Gläubigen derzeit auf einen “schlimmen, ja geradezu glaubensfeindlichen und blasphemischen Irrweg”. Sie hätten sich “mit den Verbrechen des Krieges gegen die Ukraine gemein gemacht”, klagt der Bundespräsident und spricht von einer “als Theologie verbrämten totalitären Ideologie”. Und auch da nennt er wieder die Vernunft. Kein Christ, der “seinen Glauben, seine Vernunft und seine Sinne” noch beisammen habe, werde “darin Gottes Willen erkennen können”.

Steinmeier fordert die Weltversammlung der Kirchen beim Dialog mit Moskaus Vertretern in Karlsruhe ausdrücklich zum Widerspruch gegen die russische Orthodoxie auf. “Dialog ist kein Selbstzweck. Dialog muss Unrecht zur Sprache bringen, muss Opfer benennen ebenso wie Täter – und deren Erfüllungsgehilfen.” Wenn sich ein Dialog dagegen “auf fromme Wünsche beschränkt und im Ungefähren bleibt, wird er schlimmstenfalls zur Bühne für Rechtfertigung und Propaganda”. Vor dieser Wahl stehe die ÖRK-Vollversammlung. Es klingt wie eine Warnung.

Ganz ähnlich, aber damals noch zurückhaltender äußerte Steinmeier sich bereits bei seiner Rede zum Libori-Fest in Paderborn im vorigen Juli zu Irrwegen der Religion: “Es hat nie eine gerade Linie von den christlich geprägten Grundüberzeugungen zum faktischen Handeln gegeben. Immer wieder hat es schreckliche Verirrungen und Verbrechen gegeben und Perversionen dieser guten und heilsamen Ursprünge.” Zur europäischen Geschichte gehöre immer wieder notwendige Neubesinnung auf Europas gute geistige Wurzeln.

Russland Patriarch Kyrill und Wladimir Putin

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