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Auswandern in die EU – der stille Protest der Albaner

Am Dienstag treffen sich die Regierungschefs der EU und des Westbalkans in Albanien. Tirana wertet das als Beleg für seine erfolgreiche Außenpolitik. Doch die massive Abwanderung wirft einen Schatten auf das Land.

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama ist stolz, dass sein Land am Dienstag Gastgeber des EU-Westbalkan-Gipfels ist: „Albanien wird das wichtigste Ereignis in der Geschichte seiner internationalen Beziehungen erleben. Dies ist eine unbestrittene Leistung“, lobte Rama sich selbst bei einem virtuellen Chat mit Journalisten und Bürgern. Dies sei Ergebnis der erfolgreichen Außen- und Innenpolitik seiner Regierung.

In der Tat genießt Albanien außenpolitisch Ansehen in der EU. Das würdigte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der das Land am 1. und 2. Dezember 2022 besucht hat. Bei einer Rede im albanischen Parlament nannte Steinmeier das kleine Balkanland einen „standhaften, verlässlichen Partner“. Als Mitglied von NATO und OSZE sowie als derzeitiges nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates habe sich das Land „international längst als reife Demokratie bewährt“, so der Bundespräsident anerkennend.

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama ist stolz, dass sein Land am Dienstag Gastgeber des EU-Westbalkan-Gipfels ist: „Albanien wird das wichtigste Ereignis in der Geschichte seiner internationalen Beziehungen erleben. Dies ist eine unbestrittene Leistung“, lobte Rama sich selbst bei einem virtuellen Chat mit Journalisten und Bürgern. Dies sei Ergebnis der erfolgreichen Außen- und Innenpolitik seiner Regierung.

Im Sommer 2022 hatte die EU Albanien und Nordmazedonien grünes Licht für die offizielle Eröffnung von Beitrittsgesprächen gegeben. Doch den Menschen in Albanien ist bewusst, dass der EU-Beitritt noch in weiter Ferne liegt. „Die Albaner glauben nicht, dass die von der EU geforderten Reformen so schnell vorankommen werden und suchen daher Wege, wie sie individuell in die EU kommen“, sagt die albanische Politikbeobachterin Edlira Gjoni im DW-Interview mit Blick auf die angemahnte Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität in ihrem Land. Für viele junge Albaner bedeutet diese Perspektive: Auswandern in die EU.

Neuer Job in Freiburg

Auch Lediana Daci hat sich für die Emigration entschieden. Für den 3. Januar 2023 hat die gelernte Laborantin ein One-Way-Ticket nach Deutschland gebucht, um eine Stelle bei einem staatlichen Krankenhaus in Freiburg anzutreten. „Ich bin glücklich, aber auch etwas in Sorge über das, was auf mich zukommt“, sagt sie.

Sowohl sie als auch ihr Partner Bledi Voco, der als Cutter in einem privaten TV-Sender in Tirana arbeitet, haben Gehälter, die über dem albanischen Durchschnitt von derzeit 510 Euro im Monat liegen. Dennoch reicht das Geld gerade, um sich über Wasser zu halten. Für eine Familie mit Kindern würde es schwierig werden. Deshalb hat sich das Paar entschieden, auszuwandern. Seit zwei Jahren lernen die beiden Deutsch. Bledi hat außerdem noch den LKW-Führerschein gemacht, falls er in seinem erlernten Beruf in Deutschland nicht sofort einen Job findet.

Laut dem aktuellen Balkan Barometer, einer jährlichen Erhebung über Meinungen und die Stimmungen in den sechs Westbalkan-Ländern, denken 78 Prozent der jungen Albaner und Albanerinnen über Auswanderung nach. Damit liegt das Land mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern auf Platz eins in der Region. Laut Eurostat haben EU-Länder allein im Jahr 2021 über 55.000 erste Aufenthaltsgesuche positiv beschieden.

Doch nicht alle bekommen die Chance, legal in die EU einzureisen. Viele Albaner versuchen illegal oder über Asylanträge ihr Glück. Im Coronajahr 2021 haben über 8000 Albaner Erstasylanträge in EU-Ländern gestellt. Für rund 18.500 endete die Reise schon an der EU-Außengrenze, wie der EU-Statistik über Migration und Asyl für das Jahr 2021 zu entnehmen ist. Knapp 22 Prozent der Bevölkerung Albaniens leben laut Weltbank unter der Armutsgrenze lebt, die derzeit bei 5,21 Euro pro Tag liegt.

Enkelejda Ania kennt diese extreme Armut. Die Angestellte einer internationalen Bank in der albanischen Hauptstadt sammelt jeden Monat Geld bei ihren Arbeitskollegen, um Lebensmittel für zwei Familien zu kaufen, die am Rand von Tirana wohnen. Kennengelernt hat sie sie bei einer Benefiz-Veranstaltung ihrer Firma. „Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Menschen zum ersten Mal besuchte“, erzählt Enkelejda Ania im Gespräch mit der DW. „Eine der Familien lebt von der Invalidenrente der gelähmten Mutter. Das sind 100 Euro im Monat. Sie wohnen in einer Blechbarracke ohne Heizung, statt Glasscheiben haben sie Plastikfolien als Fenster. Früher hielt ich es nicht für möglich, dass es sowas in Albanien gibt. Heute weiß ich: Das ist keine Ausnahme.“

Doch Enkelejda Ania kennt auch die andere Seite Albaniens: reiche Menschen, die sich nicht scheuen, in einer einzigen Nacht 5000 Euro in den Bars der Hauptstadt auszugeben. „Das gibt einem ein Gefühl der Ohnmacht, denn man weiß, dass ohne Schutz durch die Politik ein solcher Reichtum gar nicht möglich ist“, sagt sie.

Dass Albanien vor dem Beitritt zur EU die grassierende Korruption und organisierte Kriminalität in den Griff bekommen muss, wird in jedem Fortschrittsbericht der EU-Kommission hervorgehoben. „Allerdings erfolgt der Kampf nur unter großem Druck und selten freiwillig“, sagt Politikexpertin Edlira Gjoni.

Sie bedauert, dass die EU die Erweiterungsgespräche aufgrund interner Zerwürfnisse zwischen den Mitgliedstaaten so lange blockiert habe. Das habe Druck von der albanischen Regierung genommen, Korruption und Organisierte Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Gjoni hofft, dass sich das mit den begonnen Beitrittsgesprächen ändern wird.

Die Laborantin Lediana Daci glaubt nicht daran, dass Albanien es schnell schafft, sich von der Korruption zu befreien. „Vor ein paar Jahren hatte ich noch Hoffnung, aber jetzt glaube ich, dass sich nichts ändern wird, egal wer an der Macht ist,“ sagt sie.

Die Stagnation in Albanien liegt nicht nur an der Regierung, sondern auch an der schwachen Opposition, sagt Jonila Godole, vom Institut für Democracy, Media and Culture in Tirana. Nachdem im Jahr 2021 der frühere Präsident und Ministerpräsident Sali Berisha von der US-Regierung wegen Korruption zur „Persona non grata“ erklärt wurde, ist der 78-Jährige wieder politisch aktiv geworden, um „seine Ehre zu retten“. Verbissen kämpft er um die Führung der von ihm gegründeten Demokratischen Partei.

Für den 6. Dezember 2022, dem Tag des Gipfels, hat Berisha, der sich als Opfer einer Verschwörung sieht, Demonstrationen im Zentrum von Tirana angekündigt. Unterstützt wird er auch von dem ehemaligen Präsidenten Ilir Meta, der erst im Juni 2022 aus dem Amt ausgeschieden ist und an der Spitze der neu formierten Freiheitspartei steht. Berisha beteuert immer wieder, sein Protest richte sich nicht gegen die EU. Er wolle jedoch die EU-Führung darauf aufmerksam machen, dass das Land von einer „korrupter Mafia“ regiert werde. „Das ist nicht der Protest der albanischen Bevölkerung“, analysiert Godole die angekündigten Demonstrationen. „Die Menschen protestieren nicht mehr auf der Straße, sondern wählt lieber die Emigration. Das ist der stille Protest der Albaner“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht im albanischen Parlament am 1.12.2022 vor dem Staatswappen
Lediana Daci und Bledi Voco aus Albanien auf einem privaten Foto
Enkelejda Ania mit Mundschutz vor einer Wellblechbaracke, in der eine gelähmte Mutter und deren Tochter wohnen

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama ist stolz, dass sein Land am Dienstag Gastgeber des EU-Westbalkan-Gipfels ist: „Albanien wird das wichtigste Ereignis in der Geschichte seiner internationalen Beziehungen erleben. Dies ist eine unbestrittene Leistung“, lobte Rama sich selbst bei einem virtuellen Chat mit Journalisten und Bürgern. Dies sei Ergebnis der erfolgreichen Außen- und Innenpolitik seiner Regierung.

In der Tat genießt Albanien außenpolitisch Ansehen in der EU. Das würdigte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der das Land am 1. und 2. Dezember 2022 besucht hat. Bei einer Rede im albanischen Parlament nannte Steinmeier das kleine Balkanland einen „standhaften, verlässlichen Partner“. Als Mitglied von NATO und OSZE sowie als derzeitiges nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates habe sich das Land „international längst als reife Demokratie bewährt“, so der Bundespräsident anerkennend.

Neuer Job in Freiburg

Im Sommer 2022 hatte die EU Albanien und Nordmazedonien grünes Licht für die offizielle Eröffnung von Beitrittsgesprächen gegeben. Doch den Menschen in Albanien ist bewusst, dass der EU-Beitritt noch in weiter Ferne liegt. „Die Albaner glauben nicht, dass die von der EU geforderten Reformen so schnell vorankommen werden und suchen daher Wege, wie sie individuell in die EU kommen“, sagt die albanische Politikbeobachterin Edlira Gjoni im DW-Interview mit Blick auf die angemahnte Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität in ihrem Land. Für viele junge Albaner bedeutet diese Perspektive: Auswandern in die EU.

Auch Lediana Daci hat sich für die Emigration entschieden. Für den 3. Januar 2023 hat die gelernte Laborantin ein One-Way-Ticket nach Deutschland gebucht, um eine Stelle bei einem staatlichen Krankenhaus in Freiburg anzutreten. „Ich bin glücklich, aber auch etwas in Sorge über das, was auf mich zukommt“, sagt sie.

Sowohl sie als auch ihr Partner Bledi Voco, der als Cutter in einem privaten TV-Sender in Tirana arbeitet, haben Gehälter, die über dem albanischen Durchschnitt von derzeit 510 Euro im Monat liegen. Dennoch reicht das Geld gerade, um sich über Wasser zu halten. Für eine Familie mit Kindern würde es schwierig werden. Deshalb hat sich das Paar entschieden, auszuwandern. Seit zwei Jahren lernen die beiden Deutsch. Bledi hat außerdem noch den LKW-Führerschein gemacht, falls er in seinem erlernten Beruf in Deutschland nicht sofort einen Job findet.

Laut dem aktuellen Balkan Barometer, einer jährlichen Erhebung über Meinungen und die Stimmungen in den sechs Westbalkan-Ländern, denken 78 Prozent der jungen Albaner und Albanerinnen über Auswanderung nach. Damit liegt das Land mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern auf Platz eins in der Region. Laut Eurostat haben EU-Länder allein im Jahr 2021 über 55.000 erste Aufenthaltsgesuche positiv beschieden.

Fachkräfte verlassen das Land

Doch nicht alle bekommen die Chance, legal in die EU einzureisen. Viele Albaner versuchen illegal oder über Asylanträge ihr Glück. Im Coronajahr 2021 haben über 8000 Albaner Erstasylanträge in EU-Ländern gestellt. Für rund 18.500 endete die Reise schon an der EU-Außengrenze, wie der EU-Statistik über Migration und Asyl für das Jahr 2021 zu entnehmen ist. Knapp 22 Prozent der Bevölkerung Albaniens leben laut Weltbank unter der Armutsgrenze lebt, die derzeit bei 5,21 Euro pro Tag liegt.

Armut und verschwenderischer Luxus

Enkelejda Ania kennt diese extreme Armut. Die Angestellte einer internationalen Bank in der albanischen Hauptstadt sammelt jeden Monat Geld bei ihren Arbeitskollegen, um Lebensmittel für zwei Familien zu kaufen, die am Rand von Tirana wohnen. Kennengelernt hat sie sie bei einer Benefiz-Veranstaltung ihrer Firma. „Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Menschen zum ersten Mal besuchte“, erzählt Enkelejda Ania im Gespräch mit der DW. „Eine der Familien lebt von der Invalidenrente der gelähmten Mutter. Das sind 100 Euro im Monat. Sie wohnen in einer Blechbarracke ohne Heizung, statt Glasscheiben haben sie Plastikfolien als Fenster. Früher hielt ich es nicht für möglich, dass es sowas in Albanien gibt. Heute weiß ich: Das ist keine Ausnahme.“

Doch Enkelejda Ania kennt auch die andere Seite Albaniens: reiche Menschen, die sich nicht scheuen, in einer einzigen Nacht 5000 Euro in den Bars der Hauptstadt auszugeben. „Das gibt einem ein Gefühl der Ohnmacht, denn man weiß, dass ohne Schutz durch die Politik ein solcher Reichtum gar nicht möglich ist“, sagt sie.

Dass Albanien vor dem Beitritt zur EU die grassierende Korruption und organisierte Kriminalität in den Griff bekommen muss, wird in jedem Fortschrittsbericht der EU-Kommission hervorgehoben. „Allerdings erfolgt der Kampf nur unter großem Druck und selten freiwillig“, sagt Politikexpertin Edlira Gjoni.

Korruption und organisierte Kriminalität

Sie bedauert, dass die EU die Erweiterungsgespräche aufgrund interner Zerwürfnisse zwischen den Mitgliedstaaten so lange blockiert habe. Das habe Druck von der albanischen Regierung genommen, Korruption und Organisierte Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Gjoni hofft, dass sich das mit den begonnen Beitrittsgesprächen ändern wird.

Die Laborantin Lediana Daci glaubt nicht daran, dass Albanien es schnell schafft, sich von der Korruption zu befreien. „Vor ein paar Jahren hatte ich noch Hoffnung, aber jetzt glaube ich, dass sich nichts ändern wird, egal wer an der Macht ist,“ sagt sie.

Opposition zerstritten

Die Stagnation in Albanien liegt nicht nur an der Regierung, sondern auch an der schwachen Opposition, sagt Jonila Godole, vom Institut für Democracy, Media and Culture in Tirana. Nachdem im Jahr 2021 der frühere Präsident und Ministerpräsident Sali Berisha von der US-Regierung wegen Korruption zur „Persona non grata“ erklärt wurde, ist der 78-Jährige wieder politisch aktiv geworden, um „seine Ehre zu retten“. Verbissen kämpft er um die Führung der von ihm gegründeten Demokratischen Partei.

Für den 6. Dezember 2022, dem Tag des Gipfels, hat Berisha, der sich als Opfer einer Verschwörung sieht, Demonstrationen im Zentrum von Tirana angekündigt. Unterstützt wird er auch von dem ehemaligen Präsidenten Ilir Meta, der erst im Juni 2022 aus dem Amt ausgeschieden ist und an der Spitze der neu formierten Freiheitspartei steht. Berisha beteuert immer wieder, sein Protest richte sich nicht gegen die EU. Er wolle jedoch die EU-Führung darauf aufmerksam machen, dass das Land von einer „korrupter Mafia“ regiert werde. „Das ist nicht der Protest der albanischen Bevölkerung“, analysiert Godole die angekündigten Demonstrationen. „Die Menschen protestieren nicht mehr auf der Straße, sondern wählt lieber die Emigration. Das ist der stille Protest der Albaner“.

Ex-Präsident Sali Berisha erhebt die Hand zum Victory-Zeichen bei einer Demonstration in Tirana

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